Ethik.
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ihres speciellen Standpunctes die Ethik als Ganzes mit in Betracht zu ziehen. Solltenwir vielleicht die rechte Mittellinie zwischen Zuviel und Zuwenig nicht genau einzuhal-ten vermögen, so nehmen wir die folgenden Erörterungen doch nur in der Absicht undMeinung auf, daß sie lediglich solches enthalten, über was, ob es gleich nicht unmittel-bar pädagogisch verwerthet werden kann, doch der wissenschaftliche Pädagog als solcherorientirt sein und ein Urtheil und eine Ueberzeugung haben muß. —
Unter den drei üblichen Namen unserer Wissenschaft ist Ethik wie der älteste (seitAristoteles) so auch der richtigste, da das nicht bloß die innere Seite des Charak-ters, die sittliche Anlage und die Bestimmtheit des Gemüths, sondern auch die äußereErscheinung dieses Innern in der Handlungsweise, und zugleich das Allgemeine undObjective — also nicht bloß was Sitte ist, sondern auch was Sitte sein soll in sichfaßt: wogegen die lateinische Bezeichnung (von Cicero äs llo. o. 1 iu den Sprachgebraucheingeführt), wie die deutsche (seit Mosheim gebrauchte) schon durch den Plural mehr aufdas Acußere und Einzelne als auf den inneren centralen Sitz des Ethischen deutet.(Vergl. übrigens S ch w a r z, Evang. christl. Sittenlehre I. S. 1. 2. Dorn er, d. Art.Ethik in Herzogs Theol. Real-Encykl. IV. S. 185. Hagenbach, Theol. Encykl.5. Ausl. S. 303.) Sofern die Ethik als philosophische Disciplin behandelt wird, istsie der wichtigste Theil der praktischen Philosophie; der theologische Sprachgebrauchweicht — nicht zu seinem Vortheil — hievon ab, indem er unter praktischer Theologiedie Wissenschaft vom kirchlichen Leben versteht und hievon die Ethik als Wissenschaftvom sittlichen Leben unterscheidet, während es richtiger wäre, diese beiden praktischenDisciplinen zusammen der Dogmatik gegenüberzustellen, die nicht wie jene beiden mitfreiem, nur durch das Gesetz des Geistes vorgezeichnetem menschlichem Thun, durch wel-ches das Reich Gottes auf dem Grunde göttlicher Thatcn erbaut werden soll, sondernmit diesen Thaten Gottes zu schaffen hat, die geschehen sind als Offenbarungen seinesWesens und Willens und die der menschliche Geist nur nachzudenken, nur wissenschaftlichzu begreifen sucht. Die Ethik dagegen — um mit Dorn er zu reden (a. a. O.S. 188) — „beschäftigt sich mit dem nach Gottes thatwerdendem Liebesrathschluß inForm menschlicher Freiheit sich verwirklichenden Guten." (Bei Schleiermacher ist dietheologische Ethik mit der Dogmatik zusammen zu demjenigen Theil der theologischenGesamintwissenschaft gehörig, der die „geschichtliche Kenntnis vom gegenwärtigen Zu-stande des Christeuthums" enthält — s. seine „Kurze Darstellung des theol. Studiums"2. Ausl. S. 94; bei Rothe dagegen ist die Ethik gerade im Gegensätze zur Dogmatikwesentlich speculative Theologie.) Ehe wir aber den Inhalt unserer Wissenschaft näherbeleuchten, ist noch die Frage im Wege, wem sie denn eigentlich angehöre, der Philo-sophie oder der Theologie? Factisch machen beide gleichen Anspruch auf sie; wie esaber nur Eine Wahrheit geben kann, so auch nur Eine Sittlichkeit; etwas was derPhilosoph erlaubt, kann nicht vom Theologen verboten sein, noch das von diesem fürTugend Erklärte von jenem zum Laster gemacht werden; hat der eine damit Recht, somuß der andere im Jrrthum sein. Der Theolog kann behaupten, daß er allein dieWahrheit im Besitz habe, weil ihm durch die Offenbarung der Wille Gottes kund ge-than sei; das menschliche Denken könne sich nie zu dieser Erkenntnis emporarbeiten,weil die Vernunft verfinstert sei; dem wird aber der Philosoph entgegenhalten: ohnephilosophisches Denken, ohne freie Aufnahme und Verarbeitung des biblischen Lehrstoffesim eigenen Geiste komme man nie zu einer wissenschaftlichen Ethik, sondern nur ent-weder zu einer äußerlichen Gesetzlichkeit, wie in der katholischen Kirche, wo der Gehor-sam die Tugend aller Tugenden, darum auch iu der Mönchsheiligkeit das Hauptmomentsei; oder zu einer Zusammenstellung von Pflichten, für die sich kein anderer Verpflich-tungsgrund angeben lasse, als daß in irgend einer Bibelstelle davon die Rede sei —eine ebenfalls äußerliche Auffassung des Sittlichen, wie sie sich bei einem Theil deraltern Supernaturalisten vorfindet. Vollends thöricht ist das oft gebrauchte Argument,daß es ja so viele philosophische Systeme gebe, deren jedes das richtige zu sein behaupteauf Unkosten der andern, während die geoffenbarte Wahrheit nur Eine sei. Ja, aber
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