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Ethik.
sind denn der theologischen Systeme und kirchlichen Controvcrsen etwa wenigere? Ist Idas Eine Bibelwort nicht von jedem Ausleger, von jeder theologischen Schule und jederSecte wieder anders, nach individueller Geistesrichtung aufgefaßt und ausgelegt worden,deren jede sich selber die ausschließliche Wahrheit zuschreibt? Mit obigem Argumentgegen die philosophische Erkenntnis kann sich nur die Jguoranz zufrieden geben. Gehtaber einerseits der Philosoph seines Weges, ohne sich um die christliche Ethik zu kümmern,so ist er entweder in der Selbsttäuschung befangen, daß er nicht merkt' wie viel Christ-liches auch er mit der Muttermilch eingesogen, wie viel von dem, was er rein derSpeculation zu verdanken glaubt, er vielmehr vom Christenthum entlehnt hat; oder,wenn er sich dessen gewaltsam entledigt, so läßt er in seiner Rechnung einen Hauptsactoraus und rechnet darum nothwendig falsch, — den Factor nämlich, daß das sittlicheBewußtsein in der Menschenbrust, das er autvnvmisch entwickeln will, selbst erst durchsChristenthmn zu seiner Wahrheit und seinem Rechte gelangt ist, somit jedes Absehen ^vom Christenthum zu einem geflissentlichen Schöpfen aus trüber Quelle führt. Ohneuns hier auf die mancherlei Versuche einzulassen, die gemacht sind, um zwischen philo-sophischer und theologischer Ethik ein Abkommen zu treffen (daß z. B. das Christenthmn !keine neuen Tugenden gelehrt, sondern nur den schon bekannten durch neue Motive eine !weitere Stütze gegeben habe; oder daß das Christenthum die moralische Erkenntnis, zu §der nach und nach die Vernunft von selbst gekommen wäre, nur früher schon der Mensch-heit entdeckt habe — Ansichten, die von Theologen aus der Kant'schen Schule, wie z. B.Vogel in der Schrift: „Das Philosophische und das Christliche in der Moral," Er-langen 1823 aufgestellt, aber selbst auch bei Reinhard (Moral I. Einl. § IS.
S. 32. 34.s deutlich zu erkennen sind), bemerken wir über obige Frage nur Folgendes.Die philosophische Sittenlehre wird wohl immer eine andere sein, als die theologische,nicht aber eine andere, als die christliche. Zwischen den beiden ersten muß der Unter-schied der wissenschaftlichen Form immer vorhanden sein; der Theolog hat die Identitätseiner ethischen Begriffe mit den in der h. Schrift enthaltenen und wieder mit den inder Kirchenlehre sanctionirten nachzuweisen; er hat den Proceß des Werdens der Sitt-lichkeit im genauen Anschluß sowohl an die Geschichte der Offenbarung als an die Lehrevon der Heilsordnung darzustellen; der Philosoph dagegen hat alle diese Rücksicht nichtzu nehmen; er entwickelt vollkommen frei den Inhalt des sittlichen Selbstbewußtseins,und stellt zur Probe dein, was auf wissenschaftlichem Wege als Inhalt des subjcctivensittlichen Geistes gewonnen wird, nur den objectiven sittlichen Geist gegenüber, der sichin der Geschichte offenbart. Aber wenn hiernach auch die Darstellungsweise, die Artder Deduction und Argumentation, die Sprache eine andere sein wird, so folgt darausgar nicht, daß die philosophische Sittenlehre nicht eine christliche wäre; das reelle prak-tische Resultat, die sittliche Lebensanschauung und Lebensgestaltung, die sich aus derphilosophischen Sittenlehre ergiebt, wird und muß genau zusammentreffen mit dem, wasdie theologische Sittenlehre auf ihrem Wege schließlich zu Tage fördert; sind also auchdie beiden Wege verschieden, das Ziel ist dasselbe: in dem Manne, in welchem dietheologische Ethik die vollendete Sittlichkeit, den gediegenen christlichen Charakter erkennt,wird auch die philosophische die Realisirung ihres Begriffs von Tugend erkennen. Seitdas Christenthum in der Welt ist, hat dasselbe die sittliche Grundanschauung, das sitt-liche Bewußtsein selber wesentlich erneuert; es ist nicht etwa zu dem vorher schon voll-ständig entwickelten und auch hernach ebenso selbständig functionirenden Gewissen derMenschen hinzugekommen, sondern es hat das Gewissen selber christianisirt, so daß auchdie reinste philosophische Speculation, je lauterer sie das wirkliche Bewußtsein ergründetund analysirt, um so gewisser christliches Metall aus dieser Tiefe ans Licht schaffenwird. Ist das nicht der Fall, wäre das Resultat vielmehr eine Doctrin, die sich mitder christlichen in Widerspruch befände, so könnte dies nur entweder aus einem Mis-verständnis der letztem (indem z. B. irgend eine temporäre Auffassung des Christenthmnsmit dem Christenthmn selbst verwechselt würde) oder aber aus einer gewaltsamen Los-reißung von christlicher Wahrheit, aus einer pikirten Feindseligkeit gegen dieselbe er-