Ethik.
369
Realisirung des als Pflicht vorgestellten Guten zeigen, müßte lehren, wie aus der Pflichteine Tugend wird, sie müßte das ethisch Geforderte, das Ideale auch psychologisch ver-mitteln: was wäre dies anders, als schon Pädagogik, d. h. eine Doctrin, nach welcherjeder sich selbst zu erziehen hätte, was sich von der Erziehung anderer nur in der Form,in der Technik unterscheiden kann? Jene psychologische Vermittlung führt aber mitNothwendigkeit auf die Erkenntnis, daß das Subject, in welchem die Idee des Gutenebenso gewiß realisirt werden soll, wie sie als Idee ihm inwohnt, d. h. der Mensch,zwar hierauf angelegt ist, aber sich selbst überlassen durch bloße Naturentwicklung keines-wegs jene Bestimmung erreicht, und noch viel weniger mit dem Eintritt in die Existenzauch schon dieser Bestimmung entspricht; der Mensch muß erst ethisirt werden; das Guteist also nicht bloß als Qualität, sondern auch als ein Werden, als ein Proceß zu be-greifen, und zwar als ein Proceß, der bei aller Kräftigkeit der Anlage und bei allerFreiheit des sich selbst bestimmenden Willens doch eben so sehr auch von der Einwirkungsolcher Potenzen abhängt, die selber das sittlich Gute in sich darstellen. Was ist dasanders als Erziehung? Wenn daher der älteste Bearbeiter der christlichen Sittenlehreals eines Ganzen, Clemens von Alexandrien, seinem Werke den Titel kaockaZo^us ge-geben, so war dies, wenn er gleich als Erzieher des Menschengeschlechtes zur Sittlich-keit ausschließlich den Logos betrachtet, ein richtiger, nur nicht vollständig ausgeführterGedanke. (Kurz und schön hat denselben Chalybäus Speculat. Ethik I. S. 76 aus-gesprochen.) Wenn dagegen das Verhältnis zwischen Pädagogik und Ethik von Einzel-nen, wie Montaigne (s. Daub. Prologomena zur theologischen Moral S. 346.860 fs.) so auf den Kopf gestellt wurde, daß letztere das Product der ersteren sein soll,somit für die Ethik keine absolute Norm existirte, sondern selbst die Grundbegriffe vonGut und Böse lediglich das Werk des Erziehers sein würden, der sie so oder andersdem Zögling eingepflanzt hat, so ist damit die Sittlichkeit auf die Linie der conven-tionellen Sitte herabgedrückt; auf solch eine Verkehrung kann man, wie Daub a. a. O.S. 375 sagt, nur gerathen aus Liebhaberei für die Erziehung. Es giebt nicht einpädagogisches Princip für die Ethik, sondern nur ein ethisches für die Pädagogik. Um-gekehrt ist auch wieder die Pädagogik durchaus ethischer Natur. Sie kann nur ethischeZwecke als Zwecke der Erziehung (s. d. Art.) aufstellen; denn ihr allererstes Axiom istdasselbe, was die Ethik aufstellen muß, daß der Werth des Menschen als Person inhöchster und letzter Instanz immer in seiner sittlichen Qualität, in seinem Wollen liegt;höher, als zu sittlicher Vollendung, kann er nicht steigen, denn (vergl. 1 Petr. 1 , 16)damit wird er Gottes Ebenbild; alle andern Vorzüge, die er besitzen, alle Verdienste,die er sich erworben haben mag, wie sie jetzt schon immer nur relativen Werth haben,verlieren schließlich auch diesen und können ihn nicht retten, wenn ihm jener absoluteWerth, der sittliche, abgeht. Der schöne Ausspruch, womit Kant seine „Grundlegungzur Metaphysik der Sitten" eröffnet: „Es ist überall nichts in der Welt, ja überhauptauch außer derselben zu denken möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte ge-halten werden, als allein ein guter Wille" ist ein unumstößlicher Satz, der auch derPädagogik die Richtung ihres Weges aufs unzweideutigste bezeichnet. Dieselbe sieht sichaber eben so auch bei der Wahl ihrer Mittel daran gebunden, jedes derselben vor allemdarauf anzusehen, ob es sittlich ist; wo nicht, so muß sie es, als wie praktisch es sichsonst auch zu empfehlen wüßte, unbedingt verwerfen. Allerdings hat sie auch Zweckeund Mittel in ihrem Bereiche, die nicht an sich selbst schon sittlicher Natur sind; wie manz. B. eine Rechenexempel löst, wie man eine lateinische Periode construirt, darüber weißdas Gewissen keinen Bescheid zu geben. Aber sobald wir auch solche Thätigkeiten nichtin ihrer Vereinzelung, sondern im Zusammenhänge mit dem ganzen Organismus desPersönlichen wie des gemeinsamen Lebens auffassen, so zeigt es sich, daß der sittlicheMensch keineswegs inzwischen schlafen gegangen ist, während jene Operationen vor sichgehen, daß vielmehr auch diese — wenn schon mehr oder weniger unbewußt — vonethischen Motiven begleitet und getragen sind, ja noch mehr, daß dasjenige, was auchobigen wie allen Thätigkeiten und Errungenschaften des Menschen die letzte Weihe, den
Pädag. Emyklopädie. 11 . r. Aufl. 24