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2 (1878) Dankbarkeit - Globus
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Erziehu»gstalent, Takt.

nicht aus. Das Leben aber stellt der Einwirkung des Menschen verschiedene Aufgaben,die im wesentlichen in zwei Classcn zerfallen. Entweder handelt es sich um Gestaltungder Gegenstände und Verhältnisse des äußeren Lebens nach den sie bedingenden Gesetzenund Regeln, wie bei der Mechanik, der Land- und Forstwirthschaft, dem Finanzfache,der Heilkunde, und dazu sind die technisch-praktischen Talente berufen. Oderes handelt sich um Einwirkung auf das Gebiet der sittlichen Freiheit nach Maßgabeder ewigen Gesetze und zur Verwirklichung der höchsten Aufgabe des geistigen Lebens,und dies ist, wie bei dem Berufe des Geistlichen, auch bei dem des Erziehers der Fall,während die Wirksamkeit des Staatsmannes und namentlich die des praktischen Juristenzwischen beiden Gebieten in der Mitte liegt. Wir nennen die für diese Wirkungs-kreise angelegten Talente die ethisch-praktischen, nicht um ihnen eine besondereAnlage zur persönlichen Sittlichkeit beizulegen, die ja nicht Product der Naturanlage,sondern der sittlichen Freiheit ist, wohl aber eine Anlage zur Erkenntnis der allgemeinenethischen Gesetze und Aufgaben, wie sie für die technisch-praktische Virtuosität nicht un-mittelbar nöthig ist. Da nun die Wissenschaft im höchsten Sinne auf die Erkenntnisder das Einzelne begründenden allgemeinen Gesetze, die schöne Kunst auf die unmittel-bare Veranschaulichung dieser Gesetze in der einzelnen concreten Erscheinung gerichtet ist,so dürfen wir sagen, daß das ethisch-praktische Talent und das pädagogische insbeson-dere das Interesse für das Allgemeine der Wissenschaft und für das Ideale der Kunstvor dem technisch-praktischen Talent voraus haben und somit zwischen diesem auf dereinen und dem wissenschaftlichen und ästhetischen Talent auf der anderen Seite in derMitte stehen müße: ohne den ein lebendiges wissenschaftliches und ästhetisches Interessebegleitenden idealen Zug und Schwung würde es der Erzieher nicht über mechanischeDressur hinaus zu lebendiger geistiger Erweckung und Anregung der Zöglinge bringen.

Damit das ethisch-praktische Talent bestimmter zum pädagogischen Talentwerde, muß es sich mit der besonderen Anlage, auf die Jugend zu wirken, verbinden.Abgesehen von der allgemeinen Richtung und Fähigkeit, auf den Willen anderer bestim-mend einzuwirken, welche schon im Begriffe des ethisch-praktischen Talentes liegt, beruhtdiese Anlage einmal auf einer natürlichen Zuneigung zur Jugend und zurBeschäftigung mit ihr und dann auf dem Verständnis für ihre besondere Art,ihre Anschauung, ihre Interessen und Neigungen, und zu diesem Verständnis gehört wiedernamentlich ein aufmerksamer und frischer Sinn für die Auffassung und Dar-stellung des Concreten, Anschaulichen und Charakteristischen in der Natur, wieim menschlichen Leben, insbesondere der Geschichte. Und wie die Virtuosität im Unter-richte hauptsächlich auf der Leichtigkeit beruht, diese Einzelnheiten auch aus verschiedenenFächern zu combiniren, damit sie sich gegenseitig erläutern und das allgemeineGesetz aus ihnen abgeleitet und erklärt werde: so wird die Erziehung im engeren Sinnedadurch unterstützt, daß mit dem Entgehen in die eigenthümliche Art und Weise, wiedie Jugend eben ist, sich die Fähigkeit verbindet, von da aus immer die Beziehungauf das Ziel zu finden, zu welchem sie herangebildet werden soll, damit der Er-zieher nicht bloß mit den Kindern Kind werde, sondern auch sie mit dem ManneMänner. Die Rücksicht endlich auf die verschiedene Individualität der Zöglinge machtnöthig, daß der Erzieher die Gabe habe, die Eigentümlichkeit der Einzelnenzu erkennen und zugleich in ihre Individualität sich zu versetzen, um die Wege zufinden, auf welchen jeder nach seiner Weise am sichersten dem Ziele zugeführt wird.Hiermit dürften die Momente angegeben sein, welche in ihrer Vereinigung das Erziehungs-talent constituiren. Ob von einem pädagogischen Genie geredet werden kann,kann zweifelhaft sein. Da Genie, wenn das Wort im Unterschiede von Talent ge-braucht wird, eine geistige Anlage bezeichnet, welche durch ihre ausgezeichnete Kräftigkeitund ihre energische Concentration auf ein bestimmtes Gebiet der geistigen Thätigkeitberufen ist, absolut Neues und Eigentümliches zu schaffen: so findet dieser Begriffseine eigentlichste und ausgebreitetste Anwendung in der Sphäre der Kunst, derenSchöpfungen gleichsam selbst absolut neue und eigenthümliche Individualitäten sind.