ErzichnngsPriucipien. 359
unterscheiden können, zeigt, daß auch das Reine, Göttliche, was im Menschen, im Kindelebt, erst wachsen muß, also die Naturordnung auch im Geistesleben nicht aufgehobenist, sondern respectirt werden muß. — In diesen Beziehungen liegt das christlich-päda-gogische Princip in der Stelle Marc. 10, 14 klar vor uns; zu Christo sollen die Kindergebracht werden, das deutet) darauf, daß außer ihm für sie kein Heil ist, weder in ihnenselbst noch in der Menschenwelt, weder in der Natur noch in der Cultur finden sie dierettende Kraft. Aber „ihrer ist das Himmelreich," das beweist ihre Fähigkeit dazu,wie auch das „wehret ihnen nicht" den geheimen, auch unter der Sünde noch fort-dauernden Zug zu ihm hin verräth. Endlich 3) bietet für die Methode der Erziehungschon das zeitliche Leben des Herrn reichliche Anhaltspuncte dar, wie er als Pädagogan seinen Jüngern, an seinem Volk arbeitete. Aber auch in diesem Puncte beschränktsich das Princip nicht auf ein bloßes Vorbild; vielmehr ist er selbst in seiner lebendigfortdauernden Wirksamkeit in der Kirche und in den einzelnen Menschenherzen, d. h.sein Geist, Christus im h. Geiste, der wahre ; diesen Geist in sich selber zu
tragen, ihn zu verstehen, ihm zu folgen, in seiner Kraft immer schärfer nicht nur dasGute vom Bösen, das Heilsame vom Nachtheiligen, sondern auch das Bessere vomGuten, das Beste unter mannigfachem Guten zu unterscheiden, überhaupt r«
(Phil. I, 10; vergl. Röm. 12, 2), in diesem Geiste auch stets zu reden,
was gut ist Troox o/xockoxtij»' 7^» ckm rot? crxnüorm«' (Eph. 4, 29 ;
vergl. Kol. 4,6), und ebenso im Zögling selbst jenen innern Erzieher arbeiten zulassen, ihm Raum zu schaffen, ihn zum Worte kommen zu lassen, allmählich ihm gänz-lich Platz zu machen, damit er allein das Regiment führe: — das ist in allen Er-ziehungsmethoden das einzig wahrhaft Methodische, es ist, wie wir dieses Princip sonstausgedrückt haben, die Weisheit, die wohl in der einen Erziehungsweise eine mehr, inder andern eine weniger adäquate Gestalt erhält, die aber auch zur richtigsten methodi-schen Regel immer als das eigentlich Beseelende hinzutreten muß, wovon erst der wirk-liche Erfolg abhängt. Mit diesem Princip ist allerdings kein bestimmter Inhalt ge-
geben, es scheint mehr formell als materiell zu sein. Wir hätten also vielleicht eherirgend einen der in Theorie und Praxis vorkommenden Grundsätze hiereinreihen sollen;z. B. den Grundsatz, dem Zögling so viel als möglich freien Spielraum zur Entwick-lung seiner Kraft und seines Willens zu lassen; oder den Grundsatz: durch den Kopfzum Herzen! dann wieder nach der Seite des Lernens das uon wulta, sock wnltirmu. s. f. Aber alles der Art sind Maximen, nicht ein Princip; als solches genügt unsnur eine Leb'ensmacht, die wir zwar nicht in eine Formel bannen und als Devise aufunsre Fahne schreiben können, die aber desto sicherer alles umfaßt, die nicht wie eineRegel mit ihren Ausnahmen als unvermeidlichen Trabanten dasteht, sondern im Geistesich lebendig erweist und im einzelnen Falle das Richtige unmittelbar an die Handgiebt; eine Potenz, die den Erzieher inspirirt. Damit allein stehen wir fest auf demBoden des Evangeliums, das ja auch für das sittliche Leben keine oberste Formel alsgrößtes Gebot aufzustellen sich begnügt, sondern die lebendige Macht des Guten insMenschenherz selber pflanzt — „den Geist der Kraft, der Liebe und der Zucht"2 Tim. 1, 7.
2) Sehen wir uns noch nach Sätzen und Begriffen um, die uns in der Geschichteund Literatur der Pädagogik als Principicn vorgeführt werden, so zeigt sich die größteMannigfaltigkeit derselben in der ersten der drei Beziehungen, welche wir oben unter-schieden haben-/es ist der Zweck, die Aufgabe der Erziehung, die principiell so verschie-den bestimmt wird, während für die beiden andern Grundfragen, die anthropologischeund die methodische, für die eine nur eigentlich Ein Hauptgegensatz, für die andere nurVereinzeltes und dem Detail Angehöriges anzuführen ist. Wir versuchen in Folgendemeine Zusammenstellung dessen, was geschichtlicher Negistrirung werth scheint. (Eineübersichtliche Zusammenstellung der Principien finden wir auch bei X. Schmid vonSchwarzenberg, Philos. Pädag. im Umriß S. 3—6, ohne daß dieselbe jedoch aufSelbständigkeit und ganz genaue Rubricirung Anspruch machte. Gräfe hat in seiner