Druckschrift 
2 (1878) Dankbarkeit - Globus
Entstehung
Seite
351
Einzelbild herunterladen
 

351

Erzichungsklilist.

Erziehuilgskuust *). Jede Kunst stellt sich die Aufgabe, den ihr gegebenen Stoff»ach dem ihr vorschwebenden Ideal zu formen und so die unmittelbare rohe Natürlich-keit zu Gestalt und Bildung zu erheben. Je edler der Stoff, eine desto sinnreichereBehandlung erfordert er, das an sich Spröde aber und Widerstrebende, was ihm inne-wohnt, verlangt unverdrossene Arbeit und Vorsicht, welche die Natur bändigt, ohne siezu verwirren oder zu zerstören.

Zu jeder Kunst gehört zum wenigsten Talent, ihre höchste Blüte verdankt sie demGenie, aber immer nur ist es bewußtes Studium und ein beharrlicher Fleiß, wodurchdie Anlagen zur Kunst die Fähigkeit des Schaffens erwerben. Die Kunst bildet sichdurch Künstler, und es sind die Meister, von welchen die Jünger zu lernen haben.

Was übrigens die eigentlichen Künstler thun, das üben in ihrer Art auch dieHandwerker, die Dilettanten, die Autodidakten und die Pfuscher. Mit Bleistift oderPinsel hautiren, schnitzeln, meißeln, klimpern, pfeifen u. dergl., ist alles Anstreifen andie Kunst, wenngleich oft eine Mißhandlung derselben. Aehnlich geschieht es mit demErziehen, der schwersten unter allen Künsten, wobei ja- nach der Erfahrung das meistenach handwerksmäßiger Ueberlieferuug, nach Schlendrian, aus augenblicklichen Einfällen,eigensinnigen Fündlein u. dergl. vor sich geht und häufig auch die zarter besaitetenSeelen ärger mitgenommen werden als das Instrument, an welchem der Dilettant seineKraft walten läßt. Schwerlich ist irgend eine Kunst so reich an Künsteleien als dieErziehungskunst, und diese ist es auch, welche beim Betreten neuer Wege sich am lautestendes nunmehr entdeckten besten und einzig richtigen Weges zu rühmen Pflegt.

Wir nannten sie die schwerste aller Künste. Ja, wenn es sich dabei bloß voneinem äußerlichen Polieren des Menschen handelte, oder wenn es sich davon handelndürfte, in einer lebendigen Seele die Natur auszulöschen und ihr statt dessen ein Systemvon Gedanken und Trieben einzusetzen, welche sofort die widerstandslose Herrschaft über-nahmen, so daß der Mensch nicht mehr zu fragen, noch zu rathen, noch sich zu ent-schließen hätte, so wäre mit jener Bezeichnung zu viel gesagt. Aber der Mensch istweder Holz noch Stein, noch ein Instrument, das von fremder Hand gespielt, eineUhr, die von andern aufgezogen und regulirt werden muß, sondern seine Formung hatden Zweck, sein Selbst mit lebendigen Motiven zu erfüllen, durch welche er mit eigenerAnstrengung das dein Ideale Widerstrebende niederkämpft, seine Natur zu reinigen und seinersittlichen Aufgabe zu entsprechen sich bemüht. Während der Bildhauer den todten Mar-mor so zu meißeln versteht, daß das Menschenbild, welches er dargestellt, zu athmenscheint, ist es die Aufgabe des Erziehers, einem wirklich athmenden Menschen, einemvon innen heraus lebenden zu seinein vollen Dasein zu verhelfen. Diese Aufgabe nunerfordert eben so viel Bescheidenheit als Entschiedenheit letztere zur Ueberwindungdes Ungehörigen, erstere zum Gcltenlassen des Eigenthümlichen, das ein Recht hat zusein und zu werden. Unbescheiden spricht der pädagogische Klügling: überlasset dieMenschen mir, ich richte euch alle zu nach sicherer Methode; als wäre das Volk einknetbarer Teig, während doch das, womit es die Erziehung zu thun hat, vielmehr einans immer neuen Quellen in mannigfaltigster Mischung emportauchendes Leben ist.

Das Erziehungsideal bleibt uns immer dasselbe Bild Gottes im Menschen nachchristlicher Lehre; aber wie unter den verschiedensten natürlichen, socialen und speciellenBedingungen dieses Ideal dem Einzelnen nahe gebracht wird, das ist immer von neuemdie Frage. Man hat daran zu studiren, man hat dafür von Meistern zu lernen, manwird aber auch in manchen Fällen ohne dasjenige, was zu des Künstlers Ausstattunggehört, nämlich ohne Takt und ohne Divination, nicht auskommen. Letzteres besondersnicht bei schwereren Fällen, denn in diesen hat sich die Kunst namentlich zu bewähren;wir möchten sie die pädagogisch-orthopädischen nennen, und erinnern dabei an den schwä-bischen Flattich dieses Muster von Erziehungs-Bescheidenheit und Entschiedenheit,dem in seinem schlichten Glauben, seinem gesunden Blick und seiner unendlichen Geduld

*) Vergleiche die vorausgehenden Artikel über Erziehung, Bildung und ähnliche.