Erziehung, verkehrte Richtungen in derselben. 343
Goltzsch, Einrichtungs- und Lehrplan für Dorfschulen, 2. Aufl. Vorrede; Palmer,L. a. O. II. S. 52 ff., und Dahlmann, Politik S. 288 ff.
5) Endlich gehen falsche Richtungen aus der unrichtigen Auffassung desZweckes der Erziehung hervor. Das letzte und höchste Ziel der Erziehung kann keinanderes sein, als das, welches der gesammten Menschheit vorgesteckt ist: es ist für deneinzelnen Menschen durch den Begriff der Gottähnlichkeit, für die gesammte Menschheitdurch den Begriff des Reiches Gottes bezeichnet. Beides läßt sich zusammenfassen in denBegriff vollständigster Verwirklichung des göttlichen Gesetzes. Wo nun an die Stelledieses einen göttlichen und ewigen Zweckes einzelne endliche, menschliche Zwecke tretenund die Richtung der erziehenden Thätigkeit bestimmen, da artet diese in Utilitaris-mus aus: an die Stelle des absolut Guten tritt das relativ Nützliche, an die Stellepädagogischer Weisheit eine zweckmäßig abrichtende Klugheit, und statt daß für Erzieherund Zögling der kräftigste Antrieb in dem Bewußtsein liegen sollte, mit Gottes heiligemWillen in Uebereinstimmung und darum auch mit Gottes Beistände zu arbeiten, demkein Ding unmöglich ist, wird das treibende Motiv ein eitles, eifersüchtiges, ehrgeizigesTrachten nach bestimmten äußeren Erfolgen: „Wo keine Götter sind, walten Gespenster."Der Utilitarismus hängt mit mehreren der bereits charakterisirten Verirrungen auf dasgenaueste zusammen. Nicht bloß der Materialismus kennt kein höheres Ziel, als sinn-lichen Lebensgenuß, sondern auch der individualistischen Jsolirung des Zöglings bliebder Sinn für die höheren Aufgaben der Menschheit verschlossen: ein Zustand, worindem Einzelnen und der Gesammtheit eine behagliche Befriedigung ihrer sinnlichen An-sprüche an das Leben möglich sei, das war das Ideal dieser Pädagogik. Die Basedow'scheSchule war die Hauptvertreterin des pädagogischen Utilitarismus, und allerdings redetesie nicht allein von den Vortheilen, welche sie mit ihrer Erziehung dem einzelnen Zög-ling verschaffen wolle, sondern auch ein brauchbares Glied der Gesellschaft, ein „nütz-licher Weltbürger" sollte er werden. Aber der Gedanke der Aufopferung des Einzelnenum der Gesammtheit und um Gottes willen lag dieser Richtung fern; das Wort desHerrn: „Wer sein Leben erhalten will, der wird es verlieren; wer aber sein Lebenverliert um meinetwillen, der wird es finden" vermochte sie sich nicht anzueignen, unddas andere Wort: „ Was ihr wollt, daß euch die Leute thun, das thut ihr ihnen auch"verstand sie nur in dem Sinne: damit euch Nutzen von andern zu Theil werde, müßtauch ihr euch ihnen nützlich machen; der Schwerpnnct der pädagogischen Tendenz lagimmer in dem Streben des natürlichen Menschen nach sinnlichem Wohlbehagen. Aufdie Frage der Utilitarier, ob denn nun die künftige Brauchbarkeit des Zöglings vonder Erziehung völlig außer Betracht gelassen werden soll, antworten wir: keineswegs,und nur ein nicht minder verkehrter einseitiger Idealismus könnte dies be-haupten. Es mag hin und wieder ein Vertreter der hauptsächlich durch elastische Stu-dien zu fördernden sogenannten formellen Geistesbildung diese so verstanden und betriebenhaben, daß dadurch die Brauchbarkeit des Schülers für das wirkliche Leben gefährdetwurde. In der Natur der Sache aber liegt dies durchaus nicht. Vielmehr wird ge-rade die utilitaristische Tendenz nach praktischer Brauchbarkeit es nicht einmal zur wahrenund gründlichen Brauchbarkeit bringen, weil sie in ihrer Richtung auf bestimmte that-sächliche Verhältnisse und bestimmte in ihnen zu erreichende Vortheile es unterläßt, demZögling die Willensrichtung und den Fonds mitzugeben, womit er unter allen Verhält-nissen das wahrhaft Nützliche finden und fördern kann. Wer dagegen in der Erweckungeines kräftigen Strebens nach Verwirklichung des göttlichen Gesetzes die höchste Aufgabeder Erziehung erkennt und alles andere diesem Zwecke dienstbar inacht, der weiß, wieauch das ein göttliches Gesetz ist, daß der Einzelne nicht sich selbst lebe, sondern aufdas Ganze sich beziehe und als lebendiges Glied in dessen Dienst eintrete, und so wirdsich auch in dieser Beziehung das Wort des Herrn bewähren, daß wer am ersten nachdem Reiche Gottes trachte, dem alles andere zufallen werde: der Erziehung, welche vondem Trachten nach dem Reiche Gottes als nach ihrem letzten und höchsten Zwecke durch