Druckschrift 
2 (1878) Dankbarkeit - Globus
Entstehung
Seite
342
Einzelbild herunterladen
 

342

Erziehung, verkehrte Richtungen in derselben.

aussprach: „die Volksschule muß weltlich gesinnt sein." Ein Organismus ist nur danngesund, wenn seine verschiedenen Grundsysteme, hier also Schule und Kirche, sich nichtvon einander abschließen, um etwas für sich zu sein, sondern wenn sie in lebendigemWechselverkehr sich gegenseitig stützen; und Wcltflucht liegt so wenig im Wesen desChristenthums, daß es vielmehr die Welt recht allseitig und kräftig zu erfassen trachtet,um sie dein natürlichen Verderben zu entreißen und mit seinem Geiste stärkend undheiligend zu durchdrungen; auch für die Erziehung giebt es kein Heil, als in Christus.Unbillig übrigens würde es sein, wenn man verkennen wollte, daß der Radicalisinustheilweise nur der extreme Rückschlag ist gegen extreme Zumuthungen. Gewiß mit Rechtfordert Kant: „Kinder sollen nicht dem gegenwärtigen, sondern dem zukünftigen, mög-lich besseren Zustande des menschlichen Geschlechtes, d. i. der Idee der Menschheit undderen ganzer Bestimmung angemessen, erzogen werden." Wenn nun Staat und Kirchean die Stelle des zu erstrebenden Ideals ihre immerhin mangelhaften factischen Zuständesetzen und streng darüber wachen, daß nur für diese erzogen wird, und jedes Strebennach einem höheren Ziele rücksichtslos unterdrücken: so entsteht ein Verfahren, welchesinan Polizismus und Klerikalismus in der Erziehung nennen kann, und welchemgroßentheils die Verantwortung dafür zufällt, daß das gedrückte Recht auf freiere Bil-dung in einem mit der Wirklichkeit völlig brechenden Radicalisinus Rache sucht. Dochschreitet die Opposition gegen einen übertriebenen kirchlichen Positivismus nicht immerbis zu paganistischem Radicalismus fort, sondern sie begnügt sich zuweilen mit demUebertritt zur „Vernunftreligion", welche dem positiven Christenthum die Begriffe Gott,Vorsehung, Freiheit, Unsterblichkeit entgegenhält, freilich ohne zu bemerken, daß auchdiese erst auf dem Boden des Christenthums in einer die gegenwärtigen Ansprüche derVernunft befriedigenden Weise hervorgewachsen sind. — Dieselbe Verkennung des noth-wendigen Zusammenhanges zwischen dem Gesammtorganismus der Gesellschaft und zwischendein Einzelnen als ihrem Glieds, welche bezüglich des Objectes der Erziehung den vonRousseau zuerst in seiner ganzen Einseitigkeit ausgesprochenen Individualismus zurFolge hatte, hatte auch auf das Subject der Erziehung, auf den Erzieher, die Wir-kung, daß dieser den Zusammenhang mit der Gesammtheit und deren seitheriger Ent-wicklung zerriß. Der Schlendrian der früheren Erziehung beruhte auf Traditioua-lismus, indem er sich lediglich an das Ueberlieferte hielt, gewohnheitsmäßig in Er-ziehung und Unterricht forttrieb, was man seit Jahrzehnten getrieben hatte. Insofernman aber jetzt die der Erziehung feindselig entgegenwirkenden finsteren Mächte eben sosehr übersah, als die unterstützenden Kräfte und Verhältnisse des geschichtlich gewordenengesellschaftlichen Lebens, und den neu erfundenen methodischen Theorien blind vertraute,stellte die moderne Pädagogik als abstracter Methodismus sich dar, oder daauch dies letztere Wort bereits anderweit seine bestimmte Verwendung gefunden hat, alssubjectiver Doctrinarismus. Mit ihrer ganzen naiven Oberflächlichkeit undSiegesgewißheit trat diese Verirrung zuerst in Basedows marktschreierischen Ein-ladungen zu seinen philanthropischen Experimenten hervor, in ernsterer und soliderer Ge-stalt kehrte sie dann in Pestalozzi's Didaktik wieder, bis in neuerer Zeit die Ucber-spannung, zu welcher sie Jacotot steigerte, zugleich ihre Blößen offen legte und derPädagogik den Dienst that, alle Besonnenen zu überzeugen, daß auf diesem Wege dasHeil nicht liege. In der That gehört es zum werthvollsten Gewinn der neueren Päda-gogik, daß ihr zwar der aus jenen Bestrebungen hervorgegangene und gewiß für alleZeiten heilsam nachwirkende Anstoß unverloren ist, ihres Zieles und ihrer Mittel durcheine eingehende wissenschaftliche Untersuchung der pädagogischen Fragen immer klarer undbestimmter sich bewußt zu werden; daß sie aber auf der andern Seite den bedeutsamenpädagogischen Einfluß der objectiv gegebenen realen Lebensverhältnisse würdigen und zu-gleich erkennen gelernt hat, wie der Erzieher die sicherste subjective Garantie für denErfolg der Erziehung nicht sowohl durch seine methodischen Principien und Kenntnisse,als durch die Tüchtigkeit seiner gesummten Persönlichkeit und insbesondere durch seineAuctorität bietet. Vgl. außer den zum 'vorigen Absätze angeführten Schriften noch