344 Erziehung, verkehrte Richtungen in derselben. Erziehungsanstalten.
drungen ist, wird die wahre, vielseitigste und ausgiebigste praktische Brauchbarkeit ihrerZöglinge von selbst zufallen.
Dies mag genügen zur Charakteristik und Classification der mannigfaltigen Päde-gogismen. Träten ihre Merkmale immer mit der Bestimmtheit und Vollständigkeit her-vor, in welcher wir sie darzustellen versucht haben, so hätte es mit ihnen keine großeGefahr, man würde sich vor ihnen zu hüten wissen; so aber schleichen sie sich in ihrenminder deutlichen Regungen unvermerkt bei uns ein. Jean Paul hat in der Levana(8 22) ein ergötzliches oder vielmehr beschämendes Verzeichnis der verschiedenartigen undznm Theil sich geradezu widersprechenden Maximen gegeben, welche die erziehende Thätig-keit „gewöhnlicher Eltern" abwechselnd bestimmen: es wird bei näherer Betrachtung nichtschwer werden, sich zu überzeugen, daß selbst Pädagogen von Fach verschiedene und ent-gegengesetzte Pädagogismen mehr als billig in das Handwerk sich pfuschen lasten. Dieschwächliche Pädagogik regt sich, wenn einem Kinde, damit es nur Ruhe halte, einSpielzeug preisgegeben wird, das ihn: bester verweigert würde, und im nächsten Augen-blicke geht sie in Rigorismus über, wenn dem Kinde, weil es dem reizbaren Vater zulaut geworden ist, absolute Ruhe geboten wird. Der Jntellectualismus macht sich breit,wenn man die Schüler nichts will lernen lassen, als was ihnen bis ins einzelnste hineinvollkommen verständlich ist, und ihnen z. B. das Vaterunser vorenthalten zu müßenglaubt, bis sie einen klaren Begriff von dem Reiche Gottes haben; dagegen sieht cs nachMechanismus aus, wenn Kinder, bevor sie nur lesen können, angehalten werden, denganzen luther'schen Katechismus „herzubeten." Der Vater fördert den Individualismus,wenn er vor dem Kinde äußert: „Was kümmert mich das Urtheil anderer? Ich kümmeremich um sie nicht, mögen sie auch mich unbehelligt lassen"; aber socialistisch verfahrendie Erzieher, welche ihren Verboten nicht andern Nachdruck zu geben verstehen, als mitdem üblichen: „Schäme dich! Was werden die Leute dazu sagen?" Und selbst nachMaterialismus schmeckt es, wenn der Erzieher bei sich selbst und bei den Zöglingeneine passive Nachgiebigkeit gegen eine kleine körperliche Verstimmung duldet, als ob derGeist von dem Körper absolut abhängig wäre und nicht auch seinerseits auf den Körperanregend und erfrischend einwirken und ihn erhalten und gewöhnen könnte, ein dienst-williges Organ des Geistes zu sein. Es gilt, durch eine ebenso umfassende, als ein-dringende Kenntnis des Terrains, auf welchem man zu arbeiten, des Objectes, aufwelches man einzuwirkcn, des Zieles, welches man zu verfolgen, des Weges, auf welchemmau zu gehen, und der Mittel, welche man zu gebrauchen hat, die Pädagogismen desrelativen Rechtes der Existenz zu berauben, indem man ihnen allen Anlaß entzieht, einevernachläßigte Wahrheit durch einseitige und übertreibende Hervorhebung zur Unwahr-heit zu verkehren. G. Baur.
Erziehungsanstalten. In gcwißem Sinne sind alle Schulen Erziehungsanstalten.Wehe der Schule, die es nicht ist! Wir fassen aber hier die Erziehungsanstalten alssolche, die mit dem Schulunterrichte das Ganze der geistigen, sittlichen und leiblichenPflege auch außerhalb desselben verbinden, und beschränken uns hier auf Privat-erziehungsanstalten für Söhne der mittleren und höheren Stände.Von jeher haben sich die verschiedensten Strebungen auf dem Felde der Erziehung mit-telst solcher Institute geltend zu machen und die Söhne der gebildeten Stände in dieihnen genehme Strömung hineinzulenken gesucht (mau denke an die Philanthropine, anSchnepfenthal, Jferten, Hofwyl re.). Eine nicht unbedeutende Anzahl dieser Söhne er-hielt und erhält noch in solchen Anstalten die Grundlage ihrer Bildung. Die Fragenach dem Werthe derselben ist darum für den Culturpolitiker wie für den Pädagogenkeine müßige. Wir vergegenwärtigen uns deshalb hier I) die Berechtigung der-selben und halten dann 2) die Schatten- und Lichtseiten gegen einander.
1) Privaterziehungsanstalten werden nicht selten zum Bedürfnis für die Elternaus äußern und inner» Gründen. In manchen Fällen wäre zwar durch öffentlicheSchulen für einen entsprechenden Unterricht der Söhne gesorgt; aber es mangelt ander nöthigen erziehenden Aufsicht und Pflege des Hauses: Verwaisung, Zeitmangel des
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