340
Erziehung, verkehrte Richtungen in derselben.
Ziel der Erziehung kennt, als, nach Salzmanns Formulirung, „Uebung und Ent-wicklung der jugendlichen Kräfte." Und in der Einbildung, durch das völlige Absehenvon dem Einfluß und von den Forderungen der geschichtlich gewordenen realen Grund-lagen des wirklichen Lebens das rein Menschliche, den nirgends existirenden „Menschenan sich" hervorbilden zu können, stellt sich diese Verirrung zugleich als verkehrterHumanismus dar. Es thut dringend noth, und diese Nothwendigkeit wird — Gottsei Dank! — auch immer allgemeiner und lebhafter anerkannt, daß in die moderne, fürdas Recht der Individualität nur allzurücksichtsvolle Erziehung etwas von dem gediegenenMetall jener Gesinnung komme, welche auf das Grabmal bei den Thermopylen schrieb:„Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habestuns hier liegen gesehen, wie das Gesetz es befahl."*)
In England lebt noch ein gutes Stück von diesem gesunden, männlichen Doris-mus, wie Wiese in seinen Briefen auf eine für uns Deutsche, die wir von Haus auszum Individualismus stark incliniren, sehr beherzigungswerthe Weise dargestellt hat.Wie Nelsons Tagesbefehl bei Trafalgar keine Hinweisung enthielt auf die aufblähendefranzösische Zioiro, sondern mit spartanischer Bündigkeit lautete: „England erwartet,daß jeder Mann seine Pflicht thun wird"**), so ist die Auszeichnung, welche der eng-lische Rector dem xrimns onminin zu Theil werden läßt, nicht das so leicht über-schätzende und zu Selbstüberschätzung führende Lob der ausgezeichneten Leistungen einesbesonderen Talentes, noch der Ruhm wissenschaftlichen Sinnes und Strebens, sondernder bescheidene, aber solide Ruhm der treuen und genauen Erfüllung seiner Pflichten(striot roZarä to bis äntios, Wiese a. a. O. S. 89). Wo diese Pflichten dem Zög-ling von der Familie, der Schule, der Nation und der religiösen Gemeinschaft vor-gehalten werden, da tritt er aus seiner eitlen und egoistischen Jsolirtheit heraus, erlernt sich als dienendes Glied dieser Gemeinschaften fühlen, und erst durch lebendige Be-ziehung zu diesen realen Grundlagen der Gesellschaft erhält die Erziehung einen realenInhalt und für ihr Streben die wirksamste Mithülfe. Und auch zum Begriffe des wahr-haft Menschlichen gehört es, daß nicht ein abstractes Bildungsideal von allen auf die-selbe Weise erstrebt werde, als ob sie nur untereinander völlig gleiche Exemplare einerGattung wären, eine Verirrung, in welche die individualistische Pädagogik gerathen ist,weil ihr gerade durch Jsolirung des Zöglings der Sinn für individuelle Eigenthüinlich-keit verloren gieng, die nur im Wechselvcrkehr verschiedener Individualitäten gehörig her-vortreten kann; sondern der volle Reichthum des allgemein Menschlichen tritt in einerFülle individueller Bildungen hervor, zu welchen die nationale, religiöse, wissenschaftliche,künstlerische und häusliche Besonderheit ebensowohl gehören, wie die Individualität desEinzelnen selbst. Trotz all dem wollen wir uns nicht verleiten lassen, das Verdienst zuverkennen, welches der Individualismus durch seine entschiedene Betonung des Rechtesdes Zöglings sich erworben hat und durch kräftige Anregung der Unterscheidung des-jenigen, was in der Gesellschaft factisch gilt, von demjenigen, was der Natur der Sachenach in ihr gelten sollte. Sieht die Erziehung den Zögling nur als ein dienendes undnicht zugleich auch als freies Glied der Gemeinschaft an, so tritt dem Individualismuseine Verirrung entgegen, die wir als pädagogischen Socialismus bezeichnen würden,wenn dieser Name nicht auf anderem Gebiete bereits in bestimmter Bedeutung gebräuch-lich wäre, wiewohl auch diesem politischen Socialismus die Verkennung des Rechtes unddes Werthes eines eigenthümlichen individuellen Lebens charakteristisch ist. Die Geltend-machung der Forderungen, welche die Gesellschaft in ihrem factisch en Zustande anden Zögling stellt, als eines ewigen, unumstößlichen Rechtes, ohne darnach zu fragen,ob jene Forderung mit der Natur und Bestimmung des Menschen im Einklänge stehe,
*) So Schiller im Spaziergang; gewichtiger Geibel:
„Wanderer, meld' es daheim Lakedämons Bürgern: erschlagenLiegen wir hier, noch im Tod ihrem Gebote getreu."
**) LnAlnnck sxpsots svsrx man to äo üis cknt^! —„Nslsons Inet siZnal, sagtSouthey, rrüieü vill bs rsmombsroä as lonZ as tüs IsnZuags or ovon tüs msmor^ ot Lng-lanck süall encluro."