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2 (1878) Dankbarkeit - Globus
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Erziehung, verkehrte Richtungen in derselben.

Messias dieser Zeit sein, der sic uns bringt": so geht der Naturalismus in der Er-ziehung bestimmter in Pelagianismus über, insofern man hierunter die Ansichtversteht, welche das Erlösungsbedürfnis des Menschen leugnet, da er aus natürlicherKraft seine Bestimmung erreichen könne. Von diesem Standpuncte aus muß das Be-kenntnis zu dem Erlöser als ein Product der Unklarheit über sich selbst, der Feigheit oderder Trägheit erscheinen. Für die ihm eigene oberflächliche und äußerliche Auffassungder Anforderungen Gottes an den Menschen, welche in ihrer ganzen Fülle undStrenge im Gebote der Gottähnlichkeit zusammengefaßt sind, ist das belehrende Beispielvon Männern wie Paulus, Augustinus, Luther, verloren, welche, eben weil sie daskräftigste sittliche Streben durchdrang, für ihre Seele nicht anders Ruhe fanden, als inJesus Christus, der in den Schwachen mächtig ist. Und auch die heilige Schrift zeigtumsonst, wie die ganze Menschheit, Juden so gut wie Heiden, auf die immer ängstlicherwerdende Frage: „Ich elender Mensch, wer wird mich erlösen von dem Leibe diesesTodes?" keine befriedigende Antwort fand, als die: „Ich danke Gott durch JesmnChristum, unfern Herrn!" Durch ihn ist in die erstorbene Menschheit, wie in die

Herzen der Einzelnen, neues Leben gekommen, und die Erziehung, welche ihre Haupt-

aufgabe darin erkennt, dieses neue höhere Leben dem natürlichen Leben des Heran-wachsenden Geschlechtes mitzutheilen, ist die allein naturgemäße, weil sie geeignet ist,die wahre Natur des Menschen, das Bild Gottes in ihm herzustellen und dadurch seinnatürliches Leben zu reinigen, zu erhöhen und zu verklären. Denn freilich darf auchdie Erziehung nicht, entgegen dem Vorbilde unseres Meisters, der ja nicht bloß gekom-men ist, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn selig werde, das

Christenthum in verkehrtem Positivismus als ein neues Gesetz nur zur Unterdrückungund Vernichtung des natürlichen Lebens anwenden, statt daß durch das Evangelium, alseine Kraft Gottes, selig zu machen, das natürliche Leben zu höherem Leben wiedergeborenwird. Gleichwohl ist es leicht begreiflich, daß ängstlichere Gemüther bei dem Einblickin das tiefe sittliche Verderben des menschlichen Geschlechtes zum freudigen Vertrauenauf die ja bereits in sichtbarer Wirksamkeit begriffene erlösende Kraft des Evangeliumsnicht haben durchdringen können, und daß infolge davon eine Erziehung entstand, welchein dem Zögling alle Interessen und Lebensregungen, in welchen die Beziehung aus dieHeilsgewinnung nicht unmittelbar und ausschließlich hervortritt, mistrauisch zu unter-drücken suchte. Dieses ängstliche und kleinliche Verfahren, welches die tiefe und wohl-begründete Ueberzeugung von der allgemeinen Erlösungsbedürftigkeit zum Zweifel ander vollen Erlösungsfähigkeit überspannte, ist dem Pelagianismus in der Erziehung alsPietismus entgegengetreten, und es hat sich an ihm die nicht beherrschte, sonderngeknechtete Natur sehr häufig durch den Betrug heuchlerischer Vorspiegelung des voneiner engherzigen Pädagogik Erstrebten und nicht selten auch durch recht rohe und crasseAusbrüche, oder, unter dem täuschenden Scheine der als Zeichen eines neuen Lebensüberschätzten äußeren Geberden, durch recht raffinirte Sinnlichkeit gerächt. — Mit dempädagogischen Pelagianismus steht endlich der Jntellectualismus in innigemZusammenhang als die verkehrte Richtung in der Erziehung, welche ihre Hauptaufgabein der Aufklärung des Verstandes erkennt, überzeugt, daß dann alles andere sich vonselbst machen werde, nicht bloß das Können, sondern ganz besonders auch die rechteBestimmtheit des Wollens (vgl. d. Art. Erbsünde). Auch ist dieser Jntellectualismus inder Pädagogik geschichtlich im Geleite des Pelagianismus aufgetreten. Der eben so frischenals frommen Erziehung, wie sie Luther begründet hatte, stand als höchstes Ziel die„ckoota utguo slcxpusns xistus" vor Augen, wonach also die Erweckung einer lebendigenfrommen Gesinnung als das Wesentliche, Wissen und Können nur als deren Attributeerschienen. Nachdem aber Rousseau die Entdeckung gemacht hatte von der ursprünglichenVortrefflichkeit der kindlichen Natur, welche in ihrer Entwicklung durch die Erziehungnur nicht gestört werden dürfe, trat auch sofort der Jntellectualismus hervor; denn jetztkonnten ja etwaige Vergehungen des Kindes nur als Folge von Unwissenheit und man-gelnder Erfahrung erscheinen, welchen auf dem Wege der Belehrung eben so einfach