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Ehrgefühl.
die ihn: Gott verliehen, so soll er auch vor der Welt nicht dastehen, als hätte er sienicht empfangen; hat ihn Gott dessen würdig geachtet, so soll er nicht durch Lässigkeitsich dessen unwürdig zeigen; hat der Künstler, der Schriftsteller schon durch irgend eineLeistung Zeugnis gegeben von der Fähigkeit, die er besitzt, so soll er, nachdem er Be-deutendes geschaffen, nichts Unbedeutendes mehr mit seinen: Namen zieren: das alleslehrt ihn sein Ehrgefühl, aber man sieht, wie auch in ihn: der Ehrtrieb mehr aufnegativem als positivem Wege, mehr zurückhaltend und castigirend als vorwärts treibendwirkt. All jenen Fleiß, überhaupt alle löbliche Thätigkeit (Phil. 4, 8. ist etwa einLob, dem denket nach) gebietet in letzter Instanz das Gewissen; es ist einfach die Treuedes Haushalters, die damit gefordert wird (vgl. 1 Petr. 4, 10. 1 Tim. 4, 14.); aberwie die Schrift selber den Gedanken an die Menschen und ihr Urtheil über uns alswirksamen Hebel anerkennt und anwcndet (vgl. 1 Tun. 6, 12., wo Timotheus an dievielen Zeugen erinnert wird, die sein Bekenntnis gehört haben, vor denen er also ehr-los dastände, wenn er dasselbe verleugnen würde), so liegt es in der Art des Men-schen, daß, auch wo das Gewissen deutlich spricht, ihm solch ein Sporn daneben nochsehr zu Statten kommt, zumal wenn dieser selbst, ob er gleich zunächst in einem mensch-lichen Gefühle, in der Furcht vor Schande, besteht, dennoch in seinem letzten Grundeauf sittlichen Principien ruht. Sobald aber einmal jener negative Charakter dem posi-tiven Begehren nach Ehre Platz macht, sobald die Ehre nicht mehr nur die Probe derRechnung, sondern das Facit selber ist, dann tritt die Gefahr ein, daß die im Ehrge-fühl sich noch bescheiden kundgebende Ehrliebe oder der in dieser zum Bewußtsein kom-mende Ehrtrieb ausartet in Ehrgeiz, und, wenn dieser noch krankhaft sich steigert, inEhrsucht. Diese letzteren sind so wenig bloße Steigerungen des Ehrgefühls, daß geradeje mehr Ehrgeiz da ist, um so schwächer das Ehrgefühl wird. Der Ehrgeizige haschtso leidenschaftlich nach seinem Phantom, daß er gar nicht mehr gewar wird, wie sehrer sich durch das Berrathen seiner Gedanken, durch das Ungestüme seiner Begehrlichkeitlächerlich macht; Wünsche und Erwartungen, die der wahrhaft Ehrliebende, auch wenner sie hegt, doch zurückdrängt, weil es ehrenhafter ist, Angcbotcnes nur anzunehmen alsNicht-Angebotenes sich anzmnaßen, kann jener nicht verschweigen, und wenn sie unerfülltbleiben, hält er ebensowenig seinen Grimm zurück — lauter Symptome eines von: Ehr-geiz völlig abgestumpften Ehrgefühls. Dazu kommt noch, daß der Ehrgeizige sogarentschieden ehrlose Mittel zu seinem Zwecke nicht scheut, wie z. B. der ehrgeizigeSchüler sich vor sich selber in: geringsten nicht schämt, den Lehrer zu hintergchen, wäh-rend das wirkliche Ehrgefühl lieber sich eine Dcmüthigung gefallen läßt, als daß cssolche Mittel gutheißen würde. — Wie aber der Ehrgeiz das Echte und Sittliche inder Ehrliebe, nämlich eben das Ehrgefühl abstumpft, so ist er an sich schon durchausunsittlich, weil er das von der Pflicht Gebotene entweder unterläßt oder Übertritt, nurum Ehre zu erlangen, oder es thut, aber aus demselben Grund, also den Genuß einesGutes, das nur wie ein göttlicher Segen aus wirklicher Sittlichkeit erblühen soll, zun:Zweck, das sittliche Handeln aber zum Mittel macht. Man hat gesagt, daß, wenndieses Moralgebot allgemein anerkannt würde, dann die Weltgeschichte sehr langweiligwäre; sie verdankte ihre großartigsten Facta den: Ehrgeiz, überhaupt den Leidenschaftender Menschen. Demnach müßte man, um die Weltgeschichte bei Athem zu erhalten,den Ehrgeiz eher nähren als dämpfen. Aber abgesehen davon, daß die größten welt-geschichtlichen Thatsachen: das Christenthum und die Reformation nicht das Werk derLeidenschaft sind, hat es die Erziehung (s. d. Art. Erziehung) nicht mit der Weltge-schichte, sondern mit dem einzelnen Menschen zu thun, und diesen zur Leidenschaft er-ziehen, damit er ein welthistorischer Mann werde, wäre eine Pädagogik, die den Zöglingeinem Moloch opferte, ohne irgend eine Bürgschaft, daß dafür sein Name auf denBlättern der Weltgeschichte zu lesen sein werde.
Aus den: Gesagten ergiebt sich nun, daß die pädagogische Behandlung ebenfallseine mehr negative als positive wird sein müßen. Wenn ich den: Knaben sage: schämedich dieser Unart! schäme dich dieser unverständigen Antwort, dieser eigennützigen Hand-
Pädag. Encyklopädie. II. s. Aufl. 9