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Ehrgefühl.
schen zu schreiten. Das kann nach Obigem nicht zweifelhaft sein, daß der Erzieher diekünftige Ehre seines Zöglings im Auge haben soll; nicht in der eitlen Weise, daß ersich denselben schon als Minister oder Professor träumt, sondern nur in dem Sinn,daß, was er auch dereinst für eine Stelle einnehmen mag, etwas rechtes aus ihm ge-worden sein möge. Aber nicht sowohl die künftige Ehre des Zöglings ist es, was demErzieher als Problem oorliegt, sondern es fragt sich, in wie weit jetzt schon, so langeder junge Mensch noch im Stande der Erziehung sich befindet, die Ehre für ihn alsGut existiren, als Motiv seinen Willen bestimmen und in letzter Beziehung von demErzieher selber als Hebel gebraucht werden dürfe, um den allgemeinen Erziehungszweckoder hesondere Zwecke (z. B. ein bestimmtes Lernziel) mittelst desselben um so eher zuerreichen?
Sehen wir einmal zu, was in dieser Beziehung im Kinde selber sich regt. Ehrekann es für dasselbe von Anfang, d. h. im zarteren Alter noch gar nicht geben, dadas einzig mögliche Object für sie, die persönliche Tüchtigkeit noch gar nicht vorhandenist; wenn vor einem kleinen Prinzen die Wache salutirt, so gilt das der Krone desVaters, dem Kinde selbst muß es als purer Spaß Vorkommen, wie es umgekehrt etwasüberaus kölnisches hat, wenn ein kleiner Junge seine Aussage „auf Ehre" betheuert.Giebt es aber auch noch keine Ehre, so lange das Kind nicht irgend welchen persönlichenWerth zeigt, so giebts dagegen etwas andres, was auch das Kind sehr wohl empfin-det: das ist die Schande. Sich zu schämen vermag es so früh, als überhaupt dasBewußtsein Helle wird; vor dem Ausgelachtwerden fürchtet es sich, bevor es noch einUrtheil hat über den Grund oder Ungrund solcher Begegnung. Und das ist die erste,die ursprünglichste — wir dürfen wohl sagen: auch die reinste Gestalt, in welcher dasVerlangen nach Ehre in: Kindesleben zur Erscheinung kommt. Man kann, wennman den ganzen Menschen im Auge hat, in der Psychologie und Ethik ganz wohl voneinen: dem Menschen eingepflanzten Ehrtrieb reden; denn für alles, was in der sitt-lichen Weltordnung objectiv ein Gut ist, hat Gott dem Menschen auch ein Bedürfnis,ein Begehren angeschaffen, das ihn nach jenem Gute hintreibt. Aber wie der Ge-schlechtstrieb im Kinde noch gar nicht als Trieb sich manifestirt, sondern noch gänzlichverhüllt und eingeschlossen liegt im Schamgefühl, so ist es auch das wahrhaft Natür-liche, daß der Ehrtrieb im Kinde noch gar nicht als Trieb, als ein naturnothwendiges,wenn auch vorerst noch dunkles Begehren nach Ehre und Auszeichnung auftritt (läßtsich das Kind schon gerne bewundern, etwa in einem neuen Hut oder neuen Nock, sohat das mit dem Ehrtrieb nichts zu schaffen, es ist entweder ein Ansatz von Eitelkeitoder gehört es in die Kategorie des Vergnügens, das den: Kinde jeder Wechsel desCostümcs, daher auch jede Verkleidung macht), sondern daß er erst in der milderen,passiven Form des Ehrgefühls — das, eben als Gefühl im Unterschiede von Trieb,die Ehre nicht sucht, nicht anstrebt, aber, wenn sie kommt, empfindet — und auch indieser Form vielmehr negativ als positiv wirksam ist. Schande ist ja möglich für dasKind, wenn es etwas albernes oder unanständiges gemacht hat; es hat bereits Ver-stand, es weiß oder soll wissen, was schicklich und ordentlich ist, man setzt bei ihm, zu-mal wenn es einen: geordnetem Hause angehört, jenes Wissen und die Gewöhnung andas Gute voraus; sinkt es nun unter diese Linie, so muß es sich schämen; hält es sichaber auf ihr, so erregt dies zwar Wohlgefallen, man wird es lieb haben, aber esdarum zu ehren, liegt kein Grund vor; dem reinen kindlichen Gemüthe wird das Un-angemessene der eigentlichen Ehrenerweisung, auch wenn es sich derselben würdig gezeigthat, ohne nach ihr zu streben, deutlich fühlbar, denn das bescheidene Kind, der beschei-dene Jüngling erröthet, wenn man ihn ins Gesicht Lobsprüche ertheilt. Und diesesnegative und passive Verhalten muß in der That auch für die späteren Jahre, ja fürsganze sittliche Leben als Hauptsache angesehen werden; darnach wird also auch der Er-zieher seine Maßregeln zu nehmen haben. Denn auch der Mann, wofern er einChrist ist, wird dem Ehrtricb nur in so weit folgen und sich von demselben bestimmenlassen, daß er nicht zurückbleibt hinter sich selbst; kennt er einmal die Kraft und Gabe,