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Ehrgefühl.
nicht ganz der richtige, sofern das Erbieten ein Thun und nicht ein Fühlen ist; derName „Ehrfurcht" ist psychologisch richtiger, drückt aber nur das Maximum jenes Ge-fühls aus, das da eintritt, wo der Gegenstand der Ehre mir wie etwas heiliges, über-irdisches gegenübersteht, dem jene Art der Furcht entspricht, die nichts von Pein in sichhat (1- Ioh. 4, 18), sondern uns zu ihrem Gegenstände ebenso hinzieht und in seinerNähe uns' erhebt, wie uns derselbe durch seine Hoheit es unmöglich macht, uns gehenzu lassen, zu reden, was uns in den Mund —, zu thun, was uns in den Sinnkommt. Jenes Gefühl ist nun einerseits ein Wohlgefallen und zwar wesentlich dasselbe,wie es in der Liebe enthalten ist, daher Lieben und Ehren nicht nur zwei coordinirte,sondern innerlich verwandte Begriffe sind, so verwandt, daß wir in der" That einenMenschen, den zu lieben unmöglich ist, auch nicht wirklich ehren können. Aber andrer-seits unterscheidet sich Lieben und Ehren dadurch, daß die Liebe es nicht mit Eigen-schaften, sondern einzig mit der Person zu thun hat, das Ehren aber geht auf etwasobjectives, allgemeines, dessen Träger die Person ist, das ich in dieser verkörpert seheund in ihr ehre. Das Kind liebt Vater und Mutter, weil sie Vater und Muttersind, aber es ehrt in ihnen die Auctorität, die Stellvertreter Gottes. Eine Schönheitwird geliebt; die Schönheit aber, in -rbsti-noko, wird man ehren und weil letztere nir-gends für sich existirt, so wird auch erstere, aber nur als Trägerin der letzteren geehrt,während das, was man in ihr liebt, ihr concretes Selbst ist. Daher ists aber auchnicht nothwendig, daß, wenn ich jemand ehren soll, er Vorzüge besitzen muß, die ichselbst nicht besitze; ein Fürst kann persönlich noch tapferer sein, als der Hauptmann, demer wegen seiner Tapferkeit Ehren erweist: es ist nicht das relative Verhältnis zwischender Tugend, dem Talent, den Leistungen des einen und des andern, sondern es istder absolute Werth derselben, mit dem sich die Person identificirt. Sobald also dieEigenschaften eines Menschen schon an sich von nur erkannt sind in ihren: Werthe,sobald ich sie erkenne als Güter, auf welchem Gebiete des Lebeus ihr Werth auch liegenmag, so werden sie, wo sie mir in einem Menschen personificirt begegnen, jenes Wohl-gefallen, jene Freude in mir erregen, die eben den Charakter der Ehre und Ehrerbie-tung annimmt, weil es die Freude an einem objectiven, der sittlichen Welt irgendwiezugehörigen Gut, das ich als eine Größe erkenne, — also kurz gesagt: an einer gött-lichen Gabe und Kraft ist. Solche göttliche Kraft steht mir in einem hohen, Talent,in einem edlen Kunstwerk, mehr aber noch in jeder sittlichen Trefflichkeit, in Charakter,Wort und That gegenüber. Was mir dieser Art begegnet, an dem kann ich nichtgleichgültig vorüber gehen, ich muß davor stehen bleiben; ich habe aber auch nicht bloßmeine Augenweide daran, sondern fühle mich durch das Große, das Hohe in demselbenin die eigenthümliche Gemüthsverfassung gebracht, daß ich zu dem, was mir so inseiner Würde erkennbar ist, mich mächtig hingezogen fühle, aber zugleich auch ebensostark inne werde, es sei etwas, das ich nicht antasten, mit dem ich nicht nach Beliebenverfahren darf. Hierin liegt die Verwandtschaft dieses Gefühls der Ehrerbietung mitdem der Achtung, allein sie verhalten sich nicht wie Gradunterschiede zu einander;jemand zu achten, dazu kann ich mich durch einzelne Eigenschaften desselben gezwungensehen, während ich daneben vielleicht das Gefühl tiefer Abneigung gegen ihn hege: ehrenaber und verehren kann ich ihn nur, wenn mich das Treffliche in ihm zugleich zumWohlgefallen der Liebe stimmt. Die Achtung entspricht dem Rechte, das die Lebens-sphären abgrenzt gegen einander, die Verehrung dagegen der Liebe, sie ist wie dieseein Ergänzen unsres eignen Selbst durch das andre (vgl. Fichte a. a. O., S. 60u. 61). Daraus geht auch die einfache Consequenz hervor, daß, wer dieses Gefühlsnicht mehr fähig ist, ein unsittlicher, ein geistig todter Mensch sein muß; jene göttlichenGaben und Kräfte, die in Form von Talenten und Charakteren dem Menschengeschlechteverliehen sind, existiren für ihn nicht inehr. Dem Kind, dem Knaben, dem Jünglingist es natürlich, ja ein Bedürfnis, sich an Menschen von Würde und Bedeutung inner-lich emporzurichten, indem man sie ehrt; der Erzieher darf diesem Triebe nur Nahrunggeben, ihn auf die rechten Puncte leiten und selber sich für jenes Gefühl warm halten,