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2 (1878) Dankbarkeit - Globus
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Deutsche Sprache

sollte unter Mitwirkung aller Kräfte, die dafür Beruf und Interesse haben, ein Schatzvon Gedichten zusammengestellt werden, der für die verschiedenen Bildungsstufen aus-reichend ein „eisernes Jnventarium' darstellte, welches durch Ueberlieferung von Ge-schlecht zu Geschlecht zu einem gemeinsamen Bildungsgute der Nation würde. Darumdürfte die Auswahl nicht so stark sein, wie gewöhnlich, damit der Stoff durch fleißigesWiederholen stets gegenwärtig erhalten und allmählich angeeignet werden könnte. —Die ineisten der neueren Lesebücher sind auf strenge Scheidung der einzelnen Classenbedacht gewesen und haben dadurch dem Lehrer die Auswahl erleichtert, wenn er auchoft mit der Abstufung nicht wird einverstanden sein können. Nach diesem Plane sinddie Bücher von Bach, Hülstett, Hopf und Paulsieck, PH. Wackernagelu. a. gearbeitet.

Ein solches Lesebuch liegt dem deutschen Unterrichte auf der untern und MittlernStufe ausschließlich zu Grunde; an seine Stelle tritt zum Theil in den oberen Classendie Lesung der Classiker selbst. Wir haben bereits erwähnt, daß das Lesebuch zumLesen, nicht zu allerlei Sprach- und Stilübungen benutzt werden müße. Die mecha-nische Fertigkeit des Lesens soll von den Schülern in die Gymnasien mitgebracht, aberdie Kunst des verständigen Lesens soll durch das Gymnasium gebildet und geübt werden.Wenn sie auch durch die Hebungen an den Alten vorzüglich gefördert werden kann, soist ihr doch in den deutschen Stunden um so mehr Aufmerksamkeit zu widmen, je mehrgerade das scheinbar leichtere und schnellere Verständnis leicht zur Undeutlichkeit, Flüch-tigkeit und Gedankenlosigkeit führt. Es ist daher vor allem auf lautes und verständ-liches Lesen zu halten, wobei der Lehrer streng jeden Fehler zu bessern hat. Wenn dieNeigung, mit Gefühl zu lesen, nach Wackernagels treffender Bemerkung, eher zu unter-drücken als zu fördern ist, so muß man doch an Ausdruck und Vortrag die Besonnen-heit und Sammlung warnehmen, auf der auch im künftigen Leben alle Fähigkeitsich durch Lesen zu unterrichten beruht. Gedichte wollen langsamer gelesen seinals Prosa. Auf das Lesestück hat sich der Schüler zu präpariren. In der Stundeliest es zuerst der Lehrer, dann einer der Schüler. An die Leseübung schließt sich dieSprechübung, indem der Inhalt wiederholt wird. Wie hier der Lehrer fortwährendAnlaß hat, der mangelhaften Sprachform des Schülers nachzuhelfen, die fehlerhaftenAusdrücke zu verbessern, bei einzelnen Constructionen oder Formen der Satzbildung indas Gebiet der Grammatik zu streifen — nur ohne alles Theoretisiren, so wird sichan den Inhalt eine Besprechung der Gedanken anschließen, die sich aus dem Gelesenenleicht ergeben.

Das Lesebuch enthält für die Schüler zugleich die Vorbilder der Orthographie,deren erste Regel ist: Schreibe so, wie du in deinem Lesebuche geschrieben siehst.Mannigfaltige praktische Uebungen — zuerst im Abschreiben, alsdann im Nachschreibengegebener Dictate — unterstützen zur Befestigung des Schülers die einfachen und kurzenRegeln, die in der untersten Classe dictirt und auswendig gelernt werden können.Günther (der deutsche Unterricht S. 157 ) theilt 9 ganz kurze praktische Regeln mit,nach welchen in den Bürgerschulen der Francke'schen Stiftungen zu Halle die Ortho-graphie mit gutem Erfolge gelehrt und eingeübt wird. Der jetzt so angelegentlich überdie Orthographie geführte Streit gehört nicht in das Gymnasium. Unter seinen Lehrernmuß darüber volle Einigkeit herrschen. In den oberen Classen wird es nicht ausbleibendürfen, auf etymologischen: Wege die Schüler über Fehler unserer gegenwärtigen Ortho-graphie zu belehren.

Die Benutzung des Lesebuches zur analytischen Methode in Formenlehre, Wort-bildung und Syntax ist ein zeitraubendes Abquälen für Lehrer und Schüler, welchesdem deutschen Unterrichte seine Freiheit und seinen Dust nimmt, und auf poetischeStücke angewcndet alle Blüten der Poesie zerpflückt und zerrupft und alle Unmittelbar-keit des Genusses zerstört.

Das Recitiren der auswendig gelernten Stücke sei nur ein Vortrag ohne Lese-buch und meide alle falschen Künste der Declamation. Da bei den einzelnen Stücken