Druckschrift 
2 (1878) Dankbarkeit - Globus
Entstehung
Seite
45
Einzelbild herunterladen
 

in höheren Schulen.

45

die Namen der Verfasser angegeben sind, so nimmt der Lehrer Anlaß, der jedesmaligenClassenstufe angemessene kurze Mittheilungen über das Leben der Verfasser zu machenund charakteristische Züge aus ihrer Jugend- und Bildungsgeschichte hie und da hervor-zuheben, um so ein literargeschichtliches Interesse allmählich zu erwecken.Es versteht sich von selbst, daß, wie das Lesebuch vom Leichteren zum Schwereren auf-steigt, auch bei Benutzung desselben die Methode des Lehrers ihre Anforderungen mehrund mehr erhöhen und die Sprachform wie den Gedankenkreis des Schülers immerallseitiger zu entwickeln und auszubilden bemüht sein muß.

Während über die so eben gezeichnete Methode des deutschen Unterrichtes in denunteren und mittleren Classen immer mehr Einigkeit der Ansichten erzielt worden ist,ist die Methode der oberen Classen noch immer ein Problem der Schulpraxis, fürdessen Lösung die verschiedensten Vorschläge gemacht sind. Die historische Grammatiksammt der altdeutschen Literatur, die Lectüre und Erklärung der neueren deutschenClassiker, die Behandlung der neueren Literaturgeschichte ringen noch nach methodischerGestaltung und machen zum Theil einander den Platz streitig. Von der Lectüre derneuern Classiker und der Literaturgeschichte gilt hauptsächlich das Wort Hülsmanns,daß die ganze Frage mehr eine sittliche als methodische Bedeutung habe.

Bei dem Standpuncte, den wir in unserer ganzen Darstellung eingenommen haben,indem für Sprachunterricht die Analogie des Lateinischen und Griechischen mit ihrererprobten Methode maßgebend sein müße, folgt von selbst, daß wir einen beson-deren literaturgeschichtlichen Unterricht auch für die oberen Classennicht billigen. Vorträge über griechische und römische Literaturgeschichte haben nurkurze Zeit in den Gymnasien geprunkt und sind mit Recht bald wieder verschwunden,da sie diesen Schulen ihren elementaren und propädeutischen Charakter nehmen und andie Stelle der Selbstthätigkeit das Princip des passiven Anhörens setzen. Das Gym-nasium führt in die Literatur der altclassischen Welt nur auf dem Wege der Lectüreund des selbstthätigen Erringens ein. Es ist dabei nuö auf eine Kenntnis der Haupt-Meisterwerke, nicht auf Vollständigkeit abgesehen. Die hohe Ausbildung der einzelnenwissenschaftlichen Disciplinen hat in die Gymnasien einerseits den leidigen Gedankender Vollständigkeit und die damit oft von selbst gegebene encyklopädische Ueberstcht ge-bracht, andererseits hat ein falsches Streben nach Wissenschaftlichkeit uns mit jener abs-tracten Systemsucht überflutet, wonach die Wissenschaft s, xriori construirt werden sollund der Lehrer daran ein größeres Interesse nimmt als an dem concreten nährendenBildungsstoff, der aus den einzelnen Wissenschaften mit weiser pädagogischer Auswahlder Jugend zugeführt werden soll. Auch die Behandlung der deutschen Literaturgeschichteist diesen Fehlern verfallen. Hier ist es die nomenclatorische, skizzenhafte Ueberstcht, diemit ihren Namen und Jahreszahlen nimmermehr befruchtend und bildend einwirkenkann, dort ist es die philosophisch-kritische Verstiegenheit, mit der den Schülern dieganze Literaturgeschichte construirt und Urtheile über Schriftsteller und Schriftwerke über-liefert werden, die sie nie gelesen haben und vielleicht auch nie zu lesen bekommen.Bücher und Vorträge dieser Art haben viel Schaden angerichtet, da das Nachsprechensolcher Urtheile nur zur Naseweisheit führt. Ist es doch nicht selten Sitte, in dieLiteraturgeschichte die Besprechung der ganzen deutschen Wissenschaft zu ziehen und diehauptsächlichsten Vertreter derselben mit diesem oder jenem Prädicate abzufertigen. DiesesVerfahren wird um so verderblicher, wenn es auf eines der kostbarsten Kleinode unsererNation, auf die Dichtungen unserer großen Meister und Heroen angewendet wird. DerZweck des deutschen Unterrichtes nach seiner materialen Seite ist, in das Bleibendeund Wirkende in unserer Literatur einzuführen. Derselbe Mißbrauch, wie mitder Literaturgeschichte, wurde früher oft mit der sogenannten Einleitung in die heiligeSchrift getrieben, in der man allerlei gelehrte Notizen und Urtheile über den Inhaltund die Verfasser der einzelnen Bücher erfuhr, aber die Bekanntschaft mit der Bibelselbst in so geringem Grade machte, daß die Einleitung oft ganz vor derselben stehenblieb. Auch hier hat sich Gott sei Dank! eine gesundere Praxis geltend gemacht und