41
in höheren Schulen.
ject, ein Gegenstand der Anschauung, den er auffaßt, sich aneignet, ohne sich von vorneherein um die Abstractionen von Casus, Modus, Tempus u. s. w. zu kümmern. Wieauch hier alles rationelle Verfahren vom Uebel sein würde und eine reine Täuschungdes Lehrers, da doch nur gedächtnismäßig ausgenommen wird, was der Lehrer für be-grifflich erfaßt hält, so tritt doch mit dem Erlernen der fremden Sprache eine ver-gleichende Thätigkeit ein, wodurch das unbewußte Können in der Muttersprache allmählichund auf die behutsamste Weise zum Bewußtsein gebracht wird. Was früher unbewußtbei der Muttersprache geschah, geschieht nun folgerechter und zusammenhängender ander fremden Sprache, die nun dazu dient, zum zweiten Male das geistige Vermögenzu heben und zu stärken. Es ist unmöglich, zu einem gründlichen Verständnis derMuttersprache zu gelangen, ohne das Studium der fremden Sprachen. „Wer fremdeSprache nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen" (Goethe). Aber es ist auch un-möglich, eine fremde Sprache zu erlernen, ohne dabei in die Grammatik der Mutter-sprache eingeführt zu werden.
Es ist ein entschiedenes Verdienst von Fr. Thiersch, überzeugend nachgewiesenzu haben, daß das Deutsche in den Gymnasien an den alten elastischen Sprachen gebildetwerden müße. Hauptsächlich ist das Lateinische diejenige fremde Sprache, durch die derSchüler zugleich in die Grammatik seiner Muttersprache eingeführt wird, allerdingsnicht auf systematischem Wege, sondern auf dem Wege des gelegentlichen Unter-richts. Die Bedeutung des „gelegentlichen Unterrichts" ist von der neueren Pädagogikvielfach verkannt. Weil der Lehrer selbst eine systematische und zusammenhängende Er-kenntnis seines Gegenstandes erlangt hat, glaubt er, der Schüler könne auf keinemanderen Wege als in lückenlosem Zusammenhänge und mit deutlichster Erkenntnis desjedesmal gethanen Schrittes vorwärts geführt werden. Der Lehrer vergißt dabei, wieer selbst zu seiner Erkenntnis gekommen ist und daß er das fragmentarisch und lücken-haft Ueberlieferte erst allmählich in systematische Ordnung gebracht hat. Wenn daherder Unterricht in deutscher Grammatik, insofern er bei Gelegenheit des Lateinischen er-theilt wird, kein systematischer sein kann und darf, so folgt daraus noch nicht, daß ernicht planmäßig vom Leichtern zum Schwerem fortschreite. Schon in den unterstenElasten lernt der Schüler bei den Anfängen des Lateinischen die Bezeichnung der ver-schiedenen Wörterclassen, Casus, Tempora, Modi u. s. w. Es wäre thöricht, sich dabeiauf irgend eine Definition einznlassen. „Man rede von Substantivis, von Verbis undso fort, wie man von Tischen, Stühlen, von Blumen und Früchten redet, die ein Kindbald kennt und doch nicht zu erklären weiß. Und soll ja etwas erklärt werden, so ge-schehe es im Anfang aufs äußerlichste" (PH. Wackernagel a. a. O. S. 80 ). Beimlatein. Decliniren wird nicht nur die deutsche Declination geübt, sondern auch der Ge-brauch des Artikels. Zur fortwährenden Vergleichung fordert die Verbindung desHauptwortes mit dem Adjectivum auf. Die Formenlehre wird weitergeübt an derComparation der Adjective, an den Pronominibus, den Conjugationen, ohne daß demSchüler bei den letzteren die Unterschiede von stark und schwach beigcbracht werden, dieer von selbst richtig handhabt. Ja die Einsicht in die Natur der Formenbildung kanndem Knaben erst an der lateinischen Grammatik aufgehen, da die deutsche Sprache darinviel zu arm ist, so daß sie sich bald beim Decliniren aller Flexion enthalten, bald beimConjugiren zu Verbindungen und Umschreibungen durch Hülfsverben ihre Zuflucht nehmenmuß. Einer besonderen Aufmerksamkeit bedürfen die Präpositionen, die neben denlateinischen gelernt werden müßen. Die Conjunctionen an leichten Sätzen des latein.Lesebuchs geübt, führen auf ganz praktischem Wege in die Satzlehre ein, ohne daß derSchüler irgend etwas über ihre Theorie zu erfahren braucht. Haupt- und Nebensätze,Vorder- und Nachsätze, directe und indirecte Fragsätze lernt der Schüler am lateinischenBeispiel kennen und beim Uebersetzen zugleich für das Deutsche üben. Die Satzlehrewird zugleich die Grundlage für die Jnterpunction. So steigt der Unterricht all-mählich weiter. Die Rection der Casus nöthigt zu stetem Vergleichen und übt dabeifür das Deutsche. Die zunehmende Schwierigkeit der lateinischen Satzverbindungen und