40
Deutsche Sprache
feinerung der Sprache aber sich mit dem Geistesfortschritt von selbst einfinde. JederDeutsche, der sein Deutsch schlecht und recht wisse, d. h. ungelehrt, könne kühnlich alleSprachmeisterregeln fahren lassen. — Unter den Pädagogen war Fr. Schaub der erste,der an diese Worte anknüpfend (Programm d. Friedrichs-Gymn. zu Breslau 1825 ) dendeutschen Sprachunterricht in seiner Verschiedenheit von den altclassischen Sprachen er-faßte und begründete. Er wies klar und überzeugend nach, daß es die Hauptaufgabedieses Unterrichtes sei, die dem Menschen angeborene Sprachkraft aufnaturgemäße Weise zu vergrößern und daß derselbe daher mit der Lesungdeutscher Schriftwerke in Verbindung mit praktischen Hebungen im mündlichen undschriftlichen Vortrage zu beginnen habe.
Das Urtheil Grimms ist allerdings zunächst gegen die ältere Art von Gramma-tiken und Methoden gerichtet, findet aber auch seine Anwendung auf einen nach Beckersgrammatischem Systeme betriebenen Elementarunterricht. „Wo Gesetze zum Bewußtseingebracht werden, da wird ebenso gut das Frische, Natürliche, falls es noch im Entstehenist, gebrochen, als wo Regeln gegeben werden, denn der Schüler legt das Maß desGesetzes an seinen eigenen Ausdruck und entrückt diesen der Führung des natürlichenSprachgefühles" (Hülsmann a. a. O.). Die durch die Abneigung des Zeitalters gegenalles Unbegriffene und Unbewußte geförderte Sucht, die Jugend so früh als möglichzuin Reflectiren zu erheben und ihr alles zum Bewußtsein zu bringen, sowie der Vorschub,den die Anwendung des Becker'schen Systems auf die lateinischen und griechischenGrammatiken durch Grotefend und Kühner leistete, brachte nachdem man schonin den Schullehrerseminaren vielen Mißbrauch mit den sogenannten Denkübungengetrieben hatte, die Sprachdenklehre als Methode der Muttersprache in die höherenSchulen, die des großen Vortheils, den die Erlernung fremder Sprachen für diegrammatische Bildung und für das Verständnis der Muttersprache hat, ganz zu ver-gessen schienen. Nach Becker ist die Sprache Erscheinung des Gedankens, und es müßendaher alle Gesetze des Denkens sich in ihr wiederfinden lassen. Logik und Sprache sollensich decken. Durch diese einseitige Hervorhebung des logischen Elementes wird die Ver-standesthätigkeit des Lernenden ausschließlich in Anspruch genommen. Die wichtigstenUnterscheidungen der Begriffe, wie man sie sonst in der formalen Logik obern Schülernzu bieten wagte, wurden nunmehr Aufgaben für 9 - und 1 0jährige Knaben. Nachdemschon im einfachen Satze die durch Subject, Prädicat und Copula gegebene Gedanken-verbindung in den verschiedenen Formen des Urtheils, Wunsches und Befehles entwickeltwar, wurden an dem zusammengesetzten Satze alle Kategorien der Logik in der Kunst-sprache der Philosophie nachgewiesen. Wenn jene alte von Grimm verurtheilte Methodedie natürliche Sprachentwicklung mehr hemmt als fördert, so ist die Becker'sche Manierein gefährlicher Ueberreiz der Jugend, die sich dabei auf einem ihr durchaus fremdenGebiete bewegt — auf dem der Abstraction und Reflexion. Die Jugend lebt abervorzugsweise im Concreten und in Anschauungen. Je länger sie auf diesem Gebiete er-halten, genährt und gestärkt wird, desto frischer bleibt das Geistesleben, das, wenn esin naturgemäßer Entwicklung bleiben soll, nur leise und behutsam aus dem Bewußt-losen zum Bewußten erhoben werden darf. Am allerwenigsten aber darf dazu dieMuttersprache benutzt werden. Die Aneignung der Muttersprache in den ersten Jahrenist dem Knaben etwas ganz unbewußtes. Er lernt sie unmittelbar nicht als Sprache,sondern als sein Denken, Wollen und Empfinden. In tiefer Bewußtlosigkeit entfaltetsie sich und der Knabe lernt, ohne zu verstehen, was. Dieser natürliche Zusammen-hang — ebenso tief und innig, wie das Verhältnis des Kindes zur Mutter — wirdnicht ungestraft gelöst, wenn gegen Gottes Ordnung dieser unmittelbaren Bewußtlosigkeitnoch eher als es die Seele des Knaben vertragen kann, die matten Formeln abge-zogener Begriffe aufgenöthigt werden. Die einsichtigsten Pädagogen haben auf diesegefährliche Ueberreizung der Jugend und auf die Verfrühung der Reflexion und Abs-traction — ein Grundübel, an welchem die ganze Zeit krankt — mit warmen undnachdrücklichen Worten hingewiesen. Die fremde Sprache ist für den Knaben ein Ob-