26
Deutsches Reich.
vielfachen Verhandlungen erstrebt worden, und ungeachtet aller nun getroffenen Ver-einbarungen wird z. B. ein württembergisches oder ein bayerisches Gymnasium fort-fahren nach seinem ganzen Gepräge von einem norddeutschen wesentlich verschieden zusein. So verspricht die gegenseitige Anerkennung und Verbindung, in welche diedeutschen höheren Lehranstalten, namentlich auch durch die vertrauensvollen persönlichenBeziehungen der Schulverwaltungen, getreten sind, eine Bereicherung des geistigen Lebenszu werden, das die Schule zu nähren berufen ist.
In den Tagen der Dresdener Confcrenz konnte keinem der daran Theilnehmendenentgehen, daß die ganze Versammlung einig war in dem Bewußtsein von der großenBedeutung, welche diese Zeitenwende für das Schulwesen des Reiches hat: es wurde,ohne besonders ausgesprochen zu sein, ein Bund geschlossen, alle Kraft daran zu setzen,daß die Idee des deutschen Gymnasiums mehr und mehr sich so verwirkliche, daß esdie neu gewonnene Grundlage nationaler Einheit befestigen helfe. Man befand sich involler Uebereinstimmung darin, daß die höheren Schulen alle die Aufgabe haben, in derJugend die Liebe zum Vaterlande zu kräftigen, sie zu geistiger Wehrhaftigkeit für das-selbe zu erziehen, und Hülfe zu leisten in der Bildung des Charakters von innenheraus; und ebenso darin, daß diese Anstalten sich nicht die Erwerbung eines ency-klopädischen Wissens, eine verflachende Polymathie zum Ziel setzen dürfen, sondern Ein-führung in die Gesetze eines wissenschaftlichen methodischen Lernens, und Uebnng inderen Anwendung bei eigener selbstthätiger Arbeit.
Die Idealität des Gedankens deutscher Einheit und das Bewußtsein, eine welt-geschichtliche Epoche erlebt zu haben, hat aber auch für das Gebiet der Schule hie undda Wünsche und Hoffnungen angeregt, hinter denen das nunmehr Erreichte weit zurück-bleibt. In pädagogischen Reformschriften neuerer Zeit sind in dieser Beziehung Vor-schläge gemacht, bei denen die gegebenen concreten Verhältnisse in Deutschland und ihregeschichtliche Entwicklung so außer Acht gelassen werden, als sei nun die Möglichkeitvorhanden, die vollkommene Schule aus dem Begriff zu construiren und sie als Mustereiner Nationalerziehung fertig hinzustellen. Dabei findet sich oft große Unklarheitdarüber, was unter dieser zu verstehen: bald schwebt der Begriff in luftigen Höhen,wo er von weltbürgerlicher Schrankenlosigkeit nicht viel verschieden ist; bald wird er soeng gefaßt, daß auch das Studium der griechischen und lateinischen Sprache und Literaturdamit unverträglich sein soll. In den Wünschen anderer spricht sich die Ungeduld undRastlosigkeit der Zeit aus; sie verkennen, daß es sich um Dinge handelt, die manverdirbt, wenn inan ihnen nicht die Ruhe des geistigen Werdens und Wachsens läßt.
Anders sieht sich die Sache auf der Stelle an, wo die Verantwortlichkeit liegtund die Tragweite jeder einzelnen Maßregel zu ermessen ist. Man ist daselbst bisher ivor Ueberstürzung bewahrt geblieben, behält die höheren Ziele im Auge, will aber dasbereits Gewonnene erst die Probe der Zeit bestehen lassen. Die gesammte Unterrichts-gesetzgebnng an die Reichsgewalt zu überweisen, wie auch vorgeschlagen worden, wirdman weder für ausführbar noch für nöthig, und ebensowenig für heilsam halten. DasReichsregiment als solches hat für das Schulwesen zur Zeit keine andere- Aufgabe, alsalles dasjenige fern zu halten, was dessen freier Entwicklung nach seinen inneren Ge-setzen hinderlich sein könnte. Damit sollen ihm indes Polizeidienste nicht zugemuthetwerden, wie es von solchen geschieht, die z. B. vorgcschlagen, daß die schlechte Buchhändler-Industrie, welche die Schuljugend mit verführerischen Hülfsmitteln, Uebersetzungenu. dgl. m. versieht, von Neichswegen unterdrückt werde.
Lassen sich die besprochenen Ordnungen der deutschen höheren Lehranstalten wie einneuer Rahmen betrachten, so zieht doch das, was er umschließt, das Werk der Schule !selbst, die Aufmerksamkeit in viel höherem Grade auf sich. Der Gesammteindrnck davonwird bei den meisten eine sehr gemischte Empfindung Hervorrufen. Die deutsche Erb-tugend eines treuen Fleißes, ernster, emsiger Arbeit ist noch unverkümmert; es würdesich leicht Nachweisen lassen, daß jetzt in den Schulen mehr gelernt wird als früher.Wer warum wird man des Erfolges im großen und ganzen nicht froh, woher so