Deutsches Reich.
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viele Aeußerungen der Unzufriedenheit mit unseren Schulzuständen? und warum habendie großen Ereignisse der Zeit den Aufschwung nicht gebracht, der die Hoffnungvieler war?
Ihren rühmlichen Antheil an der allgemeinen patriotischen Erhebung in den Kriegs-jahren wird niemand, der davon Zeuge gewesen ist, der deutschen Jugend, den Lehrernund den Schulen selbst schmälern wollen; aber man wird zugestehen mäßen, daß nach-haltige Wirkungen der großen Zeit bisher ausgeblieben sind. Es traf vieles zusammenwas einen freudigen Fortschritt hinderte. Die Zeit ist auf allen Gebieten voll vonschwer auszugleichenden Gegensätzen und einem Drange nach neuen Formen. Vondieser allgemeinen Unruhe kann die Schule nicht unberührt bleiben; sie ist ein Theilder Welt, von der sie umgeben ist. Der alte, noch lange nicht ausgefochtene Streitüber die rechte Schulorganisation, über den Lehrplan, die Stellung der Lehrer u. a.wurde bald mit neuem Eifer ausgenommen. Die Grundlagen sind unsicher geworden;der friedliche Besitz und die Ruhe ungestörter Arbeit ist von inehr als einer Seite be-droht. Die Gymnasien, so große Achtung ihre Thätigkeit auch immer noch genießt,werden nicht mehr getragen von einem vollen Vertrauen und dem Verständnis derNation: man klagt, statt nationaler Bildungsanstalten seien sie Beamtenschulen geworden;! die zweckmäßigste Einrichtung der Realschulen, so weit ihre Existenz überhaupt als be-rechtigt anerkannt wird, ist Gegenstand lebhafter Controverse geblieben; das Aufgehenbeider in der Verschmelzung zu einem Dritten hat man wünschen können, aber inöffentlichen Schulen zum Glück auch nicht einmal versuchen mögen. — Mit derStiftung des deutschen Reichs war alsbald auch der kirchliche Conflict gegeben, dessenWirkungen sich in den Gegenden confessionell gemischter Bevölkerung sofort auch ini den Schulen fühlbar machten. — Als in Preußen die nöthigen Besoldungsverbesserungen! auf dem Wege eines allgemein maßgebenden Normaletats und der Gewährung von
! Wohnungsgeldzuschüssen herbeigeführt wurden, regte dies neue Gehalts-, Ascensions-
und Rangfragen an, welche die Gemüther der Betheiligten lebhaft beschäftigten; es ent-stand darüber eine unruhige Bewegung, die sich bei dem gleichen Interesse bald auchj in andere deutsche Länder fortpflanzte'*).
Schon diese Andeutungen genügen zur Erklärung der Thatsache, daß das deutschehöhere Schulwesen in die Periode einer engeren Verbindung als sie je vorher bestandenhat nicht in einem Zustande friedlicher und befriedigender Verhältnisse eingetreten istund daß es schwere Aufgaben mit hinüber genommen hat. Es sind Probleme darunter,an deren Lösung die Zeit überhaupt arbeitet; und providentiell muß es erscheinen, daßdie deutsche Schule ihren Antheil daran nunmehr als einen gemeinsamen übernimmt.
Betrachtet inan die gegenwärtige Stellung der Schule im Zusammenhänge derallgemeinen sittlichen und Culturbestrebungen in Deutschland, so erkennt man als dasschwerste dieser Probleme ihr Verhältnis zum Staat. Es ist unbestreitbar, daß sichim Laufe der Zeit ein Absolutismus ausgebildet hat, der die öffentliche Schule alssein ausschließliches Eigenthum in Anspruch nimmt: der Staat vindicirt sich das Recht! über ihre Einrichtungen endgültig zu bestimmen. Das preußische Allgemeine Landrechterklärt die Schulen schlechthin für Veranstaltungen des Staats, und demgemäß hat derpreußische Staat in diesem Jahrhundert als alleiniger Schulherr gehandelt. Daß erdabei der mit dem Recht übernommenen Pflicht jemals uneingedenk gewesen sei, wirdniemand behaupten, der die Opfer kennt, die er für den öffentlichen Unterricht gebrachthat, und der die Anstrengungen zu würdigen weiß, durch welche in Preußen ein Schul-wesen hergestellt ist, welches in Europa und darüber hinaus in allgemeiner Achtungsteht. In einem großen Theile von Deutschland ist die Schulverwaltung dem preußischen, Vorgänge gefolgt, zum Theil nothgedrungen; wie in Preußen selbst, seiner historischen
*) In Württemberg waren diese Fragen schon seit längerer Zeit in Bewegung, namentlichinfolge einer im Anfänge der 40er Jahre erschienenen Schrift von Hirzel: „Die Ansprüche deshöheren Lehrstandes in Württemberg rc." D. Red.