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Dankbarkeit.
Existenz, sein Glück, sein Haben und Hoffen danken darf; daher auch nur, wo es andiesem Drange fehlt, d. h. wo keine empfangende Liebe ist, die die gebende Liebe sucht,ein wirklicher Atheismus möglich ist. Und wie hienach die Dankbarkeit der Führerdes Menschen zu Gott ist (vgl. A.-Gesch. 17 , 25 — 27 ), so ist sie auch ein starkes Band,das den Menschen an den Menschen knüpft und hiedurch ihn vor dem Ueberwuchern desEgoismus, ebendamit vor viel Sünde bewahrt. Ich kann mich durch Bande der Naturoder durch einen unerklärlichen Zug, eine Art Wahlverwandtschaft, oder durch geschlecht-liche Zuneigung an jemand gefesselt .fühlen; aber auch diesem allein gegenüber liegt einebesondere Macht im Dankgefühl; viel eher läßt sich das Gewissen von andern Seitenher allmählich zum Schweigen bringen, aber undankbar zu sein, undankbar zu erscheinenist unerträglich; wer auch dies über sich gewinnen kann, der ist sittlich todt. Aber auchdie Rückwirkung der Dankbarkeit auf das eigene Gemüth ist eine höchst wohlthätige;wer für alles, auch für das Kleine und Geringe, danken gelernt hat, der findet, daßer immer noch glücklich daran ist, er ist zufrieden und vergnügt, wo der Undankbareselbst mit großem Gut niemals sich glücklich weiß. Ist so die Dankbarkeit eine derHauptwurzeln und Hauptstützen der Religion und der Nächstenliebe, so ist es umge-kehrt auch wieder die Religion, die erst der Dankbarkeit den rechten Impuls giebt, weilsie ihr den absoluten Gegenstand darbietet, den persönlichen Gott. Der Materialismus,wie er jedes edlere Gefühl durch seine Roheit zerstört, so macht er auch die Dankbarkeitunmöglich; gegen „Samt Stoff" giebt es keinen Dank; diesem Gott sagen seine eignenAnbeter nach, er mache die dümmsten Streiche. Der Polytheismus läßt der Dankbar-keit zwar Raum, die antike Welt legt bekanntlich großes Gewicht auf diese Tugend,aber durch die Zerschlagung ihres Objectes in eine Mehrheit von Göttern schwächt er ihreIntensität; der Monotheismus der Israeliten hat in den Psalmen gezeigt, wie mächtiger die Dankbarkeit erregt, aber nur dadurch, daß der eine, unsichtbare Gott aus seinerFerne und Erhabenheit herausgetreten ist und sich geschichtlich offenbart; ein höchstesWesen nach Art des Deismus gedacht ist viel zu kalt, um ein Menschenherz zum Dankezu erwärmen. Die vollsten Motive giebt erst das Christenthum her, weil in der Er-lösung das Größte und Aeußerste geschehen ist, was Gott für die Menschen thun konnte,und weil in Christus uns alles geschenkt ist. Röm. 8, 32 .
Ist hienach außer Zweifel, daß ein Erzieher, der da vergäße, Dankbarkeit in seinesZöglings Seele zu pflanzen, einen der Ecksteine am Gebäude der Sittlichkeit zu setzenvergessen und somit das Ganze schon von Anfang baufällig machen würde: so fragt essich, welche Mittel ihm hiezu zur Verfügung stehen. Niemeyer hat im Gegensätzegegen pestalozzi'sche Darstellungen von der Anlage des Kindes zu verschiedenen Tugenden,so namentlich auch zur Dankbarkeit, in einer Beilage zu seinen Grundsätzen der Erz. rc.( 6 . Ausl. I. S. 547 ) sehr richtig gesagt: „Die Kinder sind ohne Ausnahme die größtenEgoisten" (nur kommt der Pelagianismus auch bei Niemeyer darin gleich wieder zumVorschein, daß er diesen Egoismus als etwas uaturnothwendiges ansieht, um den Triebder Selbsterhaltung, der zur Selbstthätigkeit führe, recht tief zu begründen). Infolgejenes Egoismus nehmen die Kinder alles an, haben wohl eine freundliche Miene fürden Geber, auch eine Art von Liebe, weil sie seiner Gewogenheit sich versichert halten;aber daß darin für sie selber eine Verpflichtung liege, gegen ihn auch nur gewiße Rück-sichten zu beobachten, daran denken sie nicht; kommt ein anderer ihnen in den Weg,der ihnen dieselben Dienste leistet, so ist der erste gänzlich vergessen, man bedarf seinernicht mehr. So hat das Kind wohl auch gegen einen Lehrer eine Zuneigung, aber
weit seltener wegen dessen, was es an Lehren von ihm empfängt, als weil er seine
Macht nicht in der Ausdehnung gegen das Kind braucht, in welcher ihm das möglich
wäre; die wirkliche Dankbarkeit stellt sich im günstigen Falle erst mit den reiferen
Jahren ein. Daß es den Eltern etwas zu danken habe, kommt dem Kinde um soweniger in den Sinn, je ununterbrochener ihm die Wohlthaten derselben zufließen; eswäbnt, das könne gar nicht anders sein. Wie stimmt aber diese Thatsache zu derobigen Behauptung, daß Dankbarkeit ein tiefes Bedürfnis des Menschenherzens sei?