Druckschrift 
11 (1878) Rußland; Lateinischer Unterricht; Sprache
Entstehung
Seite
722
Einzelbild herunterladen
 

722

Sprache.

vollzogen sein; aber aus der inneren Wirklichkeit würde die Auffassung desselben imBewußtsein noch nicht folgen; das Wort dient als Hebel der Apperception. Voraus-gesetzt, daß erst sinnliche Anschauungen benannt und verstanden sind, so wird mit Hülfeder Wörter auch jede Vorstellung, welche eine Beziehung zu diesen anschaulichenDingen enthält, aufgefaßt, appercipirt werden. Wer z. B. etwas hat, der sagt, es istmein und braucht es dann nicht herzugeben; wer etwas giebt, sagt, cs ist dein; durchdiese Laute wird der innere Sinn allmählich im und vom Kinde erzeugt.

In Bezug auf die pädagogische Wichtigkeit der Erkenntnis,daß alle Bedeutungder Rede der Hörer aus sich selbst hergeben muß", verweise ich auf Herbart (Pädag.Schriften, herausg. v. Willmann II, S. 541) und will nur dazu noch bemerken, daßder Proceß des wirklichen Verstehens dessen, was in den Worten gesagt wird undwerden kann, ein stufenweiser und allmähliger ist; daß deshalb auch die Familie dieSchleusen der Sprache ohne Hemmung öffnen darf; die Schule aber hat desto ernsterdarüber zu wachen, daß nur verstandene Worte vom Schüler gehört und gebrauchtwerden. Das gehörte Wort ist nur ein Samenkorn, in die Seele gelegt; die innereTriebkraft der Seele muß es mit geistiger Nahrung durchdringen und befruchten, damites selbst zu geistigem Leben erwacht und emporwächst. Der Proceß der Spracherler-nung oder Aneignung wird dadurch sehr begünstigt, daß alle Kinder tatsächlich sehrviele Wörter nicht bloß hören, sondern aufnehmen, nachsprechen, noch bevor sie dieDeutung kennen, daß sie geradezu eine lebhafte Neigung zeigen, mit solchen auch mehroder minder leeren Worthülsen zu spielen, und daß sie sehr beglückt sind, wenn die-selben sich plötzlich mit der Bedeutung füllen. Nicht nachdrücklich genug aber kann manaus diesen Thatsachen den Gedanken hervorheben (und nicht sorgsam genug können diepädagogischen Vorkehrungen zu seiner Verwerthung sein!), daß alle moralischen, religiösenund ästhetischen Vorstellungen, welche unsere Kinder durch die Sprache zuerstempfangen, dennoch nicht durch dieselbe mitgetheilt, verständlich gemacht werden können,es sei denn daß der eigentliche Kern ihres Inhalts, die moralischen und ästhetischenGefühle im Gemüthe des Kindes selbst entspringen. So wenig man einem Blindge-borenen durch Worte klar machen könnte, was eine Warnehmung der Dinge durch Lichtund Farben bedeute, ebenso wenig kann mau dem, welcher schlechterdings ohne die innereRegung des moralischen Gefühls wäre, zeigen oder sagen oder erklären, was ein solchessei. Daß die durch die innere Sprachform gegebene Verflechtung der Vorstellungen miteinander bis hin zur ersten Verknüpfung derselben mit sinnlichen Anschauungen demwerdenden Verständnis der Sprache die wesentlichsten Dienste leistet, daran braucht wohlnur erinnert zu werden. Die wesentliche Verschiedenheit derselben aber in der historischenZeit im Vergleich mit derjenigen der Sprachschöpfung kann hier nicht erörtert werdenund ich verweise deshalb auf L. d. S. II, 188216- Schließlich will ich nur nochandeuten, daß das Wesen der inneren Sprachform alles Uebrige gleich gesetzt inder zweiten Sprache, welche wir zur Muttersprache hinzulernen, noch mehr zurücktritt;denn das Conventionelle und Zufällige in der Bedeutung des Wortes wird um sogrößer, da es wenigstens im Anfang nicht so wohl die Sache bedeutet, alsnur das Wort der Muttersprache. Dieser Mangel aber kann und muß durch denUnterricht auf zwiefache Weise ausgeglichen werden; einmal dadurch, daß in der fremdenSprache mehr noch als in der eigenen das etymologische Verhältnis der Wörter undWortformen betont und erläutert werden muß; sodann aber dadurch, daß mit Nachdruckdie sachliche, anschauliche, reale Bedeutung ans Licht gezogen werden muß. Geschiehtbeides in ausgiebiger Weise, dann leistet der Unterricht in fremden (und besonders inden clasfischen) Sprachen für die innere Entwicklung des Menschen, was kein realerUnterricht an der Hand der Muttersprache allein vollbringen kann. Und dies mag hierdurch einige Sätze (Bekanntes vorausgesetzt!) noch kurz begründet werden.

1) Sprache überhaupt bildet eine zweite, in sich zusammenhängende Welt psychischerGebilde, neben der realen physischen und psychischen Welt und ihrer Erkenntniß.