716
Sprache.
Das Resultat dieser psychologischen Analyse können wir jetzt kurz dahin aussprechen:Vorstellungen sind Repräsentationen, Vertretungen von Gedankeninhalt; Wörter sindLautcomplexe, welche Vorstellungen bedeuten. Durch die Sprache, oder durch die An-knüpfung eines Gedankcninhalts an den Sprachlaut, schreitet der Geist von der An-schauung zur Vorstellung fort und ersteigt damit eine neue Stufe der Seelenthätigkeit.Und zwar dadurch, daß die Seele nunmehr nicht bloß mit dem durch eine (von außenoder innen gegebene) objcctive Anregung erzeugten Tenkinhalt beschäftigt ist, sondern mitdem gänzlich ihrer eigenen Thätigkcit entstammenden geistigen Gebilde, welches jenenInhalt vertritt.
Wir haben das Wort im psychophysischen Mechanismus durch die Anschauung ent-stehen sehen; die Bedeutung des Wortes aber entsteht erst dadurch, daß die Seeleihre eigene Anschauung und den eigenen Laut als verbunden in sich warnimmt; diesinnere Warnehmen der beiden Anschauungen (des Tinges und des Lautes) ist eine neueThätigkcit des denkenden Wesens, eine neue Auffassung nicht eines Aeußeren, sonderndes eigenen Innern, es ist Anschauung der Anschauung, oder Vorstellung. Diese, dieVorstellung ist also eine innerlich durch die Sprache (denn ohne den Laut würde dieSeele — gleich der thierischen — nur von Sachanschauung zu Anschauung fortschreitcn)wiederholte und dadurch sixirte Anschauung des Objects; als mit ihrem Laut ver-bunden wird die Anschauung in der Seele als ihr spccifisches Eigenthum befestigt. InVorstellungen denken heißt also einen Tenkinhalt in derjenigen Form und Fassungdenken, welche er durch das Wort, dessen Bedeutung er ist, also durch die sprachlicheApperccption desselben empfangen hat. Daß alle Arten Apperception, deren oben Er-wähnung geschehen ist, (Näheres L. d. S. II. S. 252—268) durch die Sprache voll-zogen worden, ist bei einer etymologischen Musterung leicht ersichtlich. Ursprünglich sindalle onomatopoetischen Wörter — wie später die Eigennamen, reine Apperceptionen derIdentität; der Tenkinhalt wird einfach am Worte als dieser festgehalten. Wirdaber etwa die Sonne als „die Glänzende" benannt, so wird sie nach einer allgemeinenQualität appercipirt d. h. unter dieselbe subsumirt. Der Mond als „der Weiße" isteine solche Subsumtion; aber der Mond als „der Messer", nämlich der Zeit, deuteteine Beziehung zu anderen Gegenständen außer ihm an. Symbolische Apperceptionaber ist es, wenn die Strahlen der Sonne als ihre Hände oder Finger, die Regen-wolken als Kühe, die Sonne ein Riesenvogel, der Blitz ein Pfeil oder eine Schlangegenannt wird. Mit der symbolischen unmittelbar verbunden ist das Emporkommenidealer, ethischer, wie ästhetischer Apperceptionen, an welche die schöpferischen sich ange-schlosscn haben. Ueberall sagen uns hier die Worte, wie die Menschen sich die betreffen-den, äußeren oder inneren Dinge vorgestellt haben. Dies ist das überwältigendgroße, staunenswürdige und wundervolle Werk der Sprache, daß die fortschreitende Ent-wicklung des Geistes selbst, das Festhalten, Fortsührcn, Steigern und Verbinden derApperceptionsprocessc, namentlich aber auch die Erhaltung und Vererbung der durch jenegewonnenen Inhalte durch sie möglich gewesen; daß also der Geist eben diese Processeeinerseits mit Hülfe der Worte als Appcrceptionsorgancn vollzogen, andererseits als denErfolg derselben neue sprachliche Formen und Schätze gewinnen konnte. Alle Apper-ceptioncn haben an den Worten Bestand und Stütze und sie können leicht und fließendvollzogen werden, wenn die Fülle der appercipirenden und die Masse der appercipirtenGedanken ihren Proceß nur an den Worten, als Vertretungen der Gedankengehalle,oder an den Vorstellungen derselben zu vollziehen haben.
Dieser Einfluß der Sprache auf die Entwicklung des Geistes springt am meistenin die Augen, sobald wir den qualitativen Unterschied der Vorstellung von der Anschauungbeachten.
1) Die Anschauung ist immer individuell, singulär, die Vorstellung ist immer all-gemein; und zwar wird offenbar diese ihre Allgemeinheit dadurch erzeugt, daß durch dieursprüngliche Verbindung einer Anschauung mit dem Worte es möglich geworden ist,