Druckschrift 
11 (1878) Rußland; Lateinischer Unterricht; Sprache
Entstehung
Seite
712
Einzelbild herunterladen
 

712

Sprache.

stufenweise auf einander gebaute analytische Thätigkeit des Geistes dadurch wesentlichbedingt, daß jede frühere Stufe lautlich und in der inneren Sprachform, also geistigfixirt ist. Von der Energie und dem Umfang der Appcrceptionsthätigkeit in einer Volks-seele hängt die Fülle ihres Sprachschatzes ab; von der systematischen Verflechtung undDurchbildung in Bezug auf die für viele Anschauungen gleichartigen Beziehungen derReichthum und die Feinheit der Grammatik. Dem griechischen Geiste erwuchsen ausdem Stamm einer Verbalanschauung 1300 Wortformen.

Wir haben die Sprache aus der Function des psychophysischen Organismus des Menschenhervorgchen sehen; ein anderes Mittel der Sprachschöpfung ist weder nöthig noch auch möglich.Wir begreifen, daß der Mensch den von ihm selbst hervorgebrachten Laut versteht, daß dieserbestimmte Bedeutung für ihn hat, Zeichen des Gedankens wird. Wie aber versteht derMensch die Laute, die der Andere hervorbringt? Erinnern wir uns, daß der Mensch inGesellschaft lebt und in der menschlichen Gesellschaft wird die Sprache geschaffen. DerMensch versteht den Laut des Anderen, weil er seinen eigenen versteht. Zunächst beruhtdas Verständnis auf der Wesensgleichheit der Menschen überhaupt, insbesondere auf der zumal auf niedrigen Kulturstufen noch größeren Gleichheit der Natur und derUmstände, in denen die Sprachgenossen sich befinden. In der Gesellschaft bringen dieMenschen unwillkürlich ihre Laute hervor; die Absicht, sich mitzutheilen, wird bald hinzu-treten. Diese Absicht ist nicht die Bedingung, aber sie wird eine wesentliche Begün-stigung sowohl der Sprachschöpfung als auch des Verständnisses. Der Laut wird sehrbald sogar ohne, besonders aber mit Absicht Mittel des Rufens und dann aller Artvon Mittheilung. Mögen immerhin die hervorgebrachten Laute zunächst verschiedeneBedeutung haben; durch seine eigene Erfahrung an sich selbst weiß jeder, daß der Lautüberhaupt eine Bedeutung hat; und er wird danach trachten, durch Zeigen uud Deutensich verständlich zu machen uud den Andern zu verstehen. Dies wird wiederum durchdie Gesellschaft begünstigt: wenn mehrere Individuen bei einem gemeinsamen Anblick,einem gemeinsamen Thun Laute Hervorbringen, welche von einander abweichen, so werdenalle, da jeder den eigenen und den fremden Laut zugleich hört, unwillkürlich danachtrachten, ihren Laut zu verändern bis zur Uebereinstimmung, besonders wohl mit demLaut desjenigen, welcher der Größte, Stärkste, Klügste, überhaupt Bedeutendste unterihnen ist. Auch heute noch sind es immer wenige, welche für einen gemeinsamen Ge-danken das rechte, das treffende Wort finden, und die Anderen nehmen es an. In derUrzeit wird die Meisterschaft des Wortes immer die Sprache auf ihrer Stufe undproportional gedacht nicht weniger selten und deshalb ihr Werth um so höher ge-wesen sein. Als die geistigen Führer, als die Denker, Seher und Lehrer mußten die-jenigen gelten, welche das vormals Unsagbare zu sagen wußten; welche also für einennoch schwebenden, unbestimmten Gedankeninhalt die rechte sprachliche Apperception ge-funden haben. An der Sprachschöpfung müßen alle Theil nehmen, wenn sie dasVerständnis derselben gewinnen sollen; aber die nächsthöhere Stufe der Fortbildungwird von denen betreten werden, welche ihre Gedanken energischer denken und freiergestalten.

Die Gesellschaft ist auch gerade dadurch von einem unberechenbar großen Einflußauf die Entwicklung der Sprache, weil der Mensch in ihr nicht bloß spricht, sondernauch hört, nicht bloß denkt, sondern auch versteht. Verstehen aber unterscheidetsich sehr wesentlich von dem bloßen Denken; Denken heißt: irgend ein denkbares,inneres oder äußeres Object auffassen; Verstehen aber heißt: Gedachtes, oder dasDenken eines andern denkenden Subjects auffassen. Im Verstehen also nimmt derGeist nicht bloß Dinge, sondern das innere Leben, die Gedanken eines anderen Geisteswar; und diese sind das höchste und seiner Natur am meisten angemessene, weil gleiche,Object für seine Thätigkeit. Tiefer Gedanke ist von dem größten pädagogischen Ge-wicht; denn aus ihm folgt der ungeheure Vorzug, den sprachlicher uud littcrarischerUnterricht für die Bildung des Heranwachsenden Geistes vor bloßen denkbaren (realen)