Druckschrift 
11 (1878) Rußland; Lateinischer Unterricht; Sprache
Entstehung
Seite
700
Einzelbild herunterladen
 

700

Sprache.

Laut die Bedingung und der spätere ihre Folge: sondern aus physiologischen und psycho-logischen Gesetzen in den Redenden folgt die Veränderung der Laute.

Selbst für den Lehrer in der Schule ist es wichtig einzusehen, daß die mythologischhypostasirende Rede von Entwicklungsgesetzen, denen die Sprache folge, zugleich psycho-logisch in der Thatsache begründet ist, daß man von lange her die Formenlehre als einenThcil der Sprachlehre für sich betrachtet hat und die nachfolgende Syntax als einenzweiten für sich bestehenden, welcher für die Verwendung jener vorhandenen FormenAnweisung giebt. Vielmehr ist die Formenlehre nur der Erfolg der Syntax. Es giebteinen Genitiv oder Dativ, es giebt diese Wortformen nur, weil es Verba giebt, welchediese Casus regieren. Genauer gesagt: Nur äußerlich, mechanisch kann man überhauptbeide Theile trennen; alle wirkliche Sprache besteht im Sprechen (gegenwärtigem oderehemaligem Litteratur); Sprechen aber heißt Sätze bilden, weil Denken nicht in ein-zelnen Vorstellungen vorhanden ist, sondern nur in Gefügen von Vorstellungen, welchein Worten ausgedrückt Sätze sind. Die Vorstellungen individualiflren sich im Gefüge,nehmen enger bestimmte Formen in den Urtheilen an oder verbinden sich mit anderenVorstellungen, welche sprachlich mit ihnen verschmelzen (Bestimmungen der Zeit, desWunsches, Befehls re.) so besteht der Satz aus Wörtern in entsprechenden bestimmtenFormen. Das Herrschende also in der Herstellung und inAdcr Anwendung der formalenElemente der Sprache (der Formwörter und der Wortformen) ist so wenig der Laut-körpcr, daß sogar die einzelne Vorstellung es nicht ist ^sondern nur das Gefüge derVorstellungen, und in diesem selbst nicht die einzelnen Glieder, sondern daS sie um-schwebende Band, ihre gegenseitige Beziehung, wodurch sie zur Einheit des Gedankens(sprachlich des Satzes) werden.

Nicht in irgend einem Zustande einer Sprache liegt die Bedingung, daß ein andererZustand ihm folgen werde, sondern nur in den Zuständen der redenden Wesen und denGesetzen, denen ihre Thätigkeit unterworfen ist. Hat aber eine Sprache ihr wirklichesLeben nur in der (subjectiven) Sprachthätigkeit der Sprachgenossen, so ist sie doch imobjectiven Gesammtgeist derselben vorhanden; jedem Individuum gegenüber in der Ge-sammtheit aller übrigen Redenden, jeder augenblicklichen Thätigkeit gegenüber in derobjectiv im Geiste gegebenen (zuweilen durch Zeichen fixirtcn) Form vorhanden. Aberjede Wirksamkeit des objectiven Geistes, vollends jede Veränderung desselben, kann nurin einer subjectiven, individuellen und momentanen Thätigkeit vollzogen werden; dieseaber folgt den psychischen und psychophysischen Gesetzen, denen sie unterworfen ist.Die geistige Thätigkeit des Menschen folgt zuweilen auch den logischen, den ethischen,den ästhetischen Gesetzen; aber zuweilen auch nicht. Diese sind deshalb auch nicht imstrengen Sinne Gesetze der geistigen Thätigkeit, von denen es keine Ausnahmen giebt,sondern ideale Normen derselben, denen der Mensch sich annähert. Die Logik lehrtdie Gesetze des wahren Denkens, aber nicht des Denkens. Es war deshalb einJrrthum zu glauben, daß die Normen und Formen der Sprache der Erfolg der Gesetzeund Kategorieen der Logik seien.

Alle Fehler, welche bisher in der Auffassung der Sprache, ihres Wesens, ihresUrsprungs, ihres Erfolges begangen worden sind, gründen sich darauf, daß man sic ent-weder in hypostasirendcr oder in abstracter Weise gedacht hat; schon die Fragen undeben deshalb auch die Antworten nehmen andere Gestalt an, sobald man anstatt vonSprache" überhaupt und allgemein zu reden die concrete Erscheinung, die wirklichenThatsachen, welche hier vor sich gehen, ins Auge faßt. Bei einer rein abstracten Fassungallein konnte die Meinung entstehen, daß die Sprache dem Menschen von Gottgegeben"oderüberliefert" odergeoffenbart" sei; die biblische Urkunde (Genesis 2, 19 f.)redet vielmehr von einem menschlichen Ursprung; es hätte schlechterdings nicht ge-schehen können, daß irgend ein außcrmenschliches Wesen dem Menschen die Sprachegegeben hätte; denn eine Sprache empfangen heißt sie verstehen; eine Sprache verstehenheißt aber schon Sprache besitzen. Aber Gott hat dem Menschen nicht auf eine über-