Druckschrift 
11 (1878) Rußland; Lateinischer Unterricht; Sprache
Entstehung
Seite
697
Einzelbild herunterladen
 

Spinozas Ethik und besonders Tractat über die Verbesserung des Verstandes, LockesVersuch und Lcibnizenö neue Versuche, und Hume'sUntersuchungen" haben die Kan-tischen Kritiken angeregt und angebahnt. Diese aber haben zur Psychologie als Wissen-schaft geführt.

Kant glaubte das innere Leben durch eine Analyse des inneren Thatbestandcsvollkommen erkennen zu können; das Werden dieses Thatbestandcs, dieser ange-nommenen Kräfte oder Vermögen, der Sinnlichkeit, Verstand, Vernunft re. dieser Kate-gorien und ihrer Anwendung war dabei unerkannt; die Psychologie aber sucht denProceß. Wie nun auf der einen Seite die durch Analogie mit der Naturwissenschaftunter Mithülfe der Geschichte und Philologie emporgekommenen strengen kritischen Metho-den, Thatsachen festzustellen, zu ordnen, zu analysiren und zu verflechten die empirischeSprachwissenschaft emporgebracht haben, so sind auch erst Speculation und Geisteskritikim Sinne und in der Art Kants (bei W. v. Humboldt vor allen), dann durch empi-rischen Fleiß unterstützte dialektische Methode (besonders durch Hcyse), endlich die Psy-chologie und schließlich Völkerpsychologie auf das eigentliche Wesen der Sprache cin-gegangen.

Wer heute glaubt, das Wesen der Sprache sei vollkommen erkannt, der sieht mitblöden Augen; der ist entweder überhaupt unfähig die Lücken und Mängel in unserengegenwärtigen Auffassungen zu erkennen, die eine tiefer ins Innere der Sache dringendeForschung von allen Seiten noch beengen, oder er ist von dem Glanze dessen geblendet,was wir im Vergleich/, zu früheren Zeiten errungen haben. Tenn in der That sindviele Lehren heute zur einfachen und, neben dem, was in den Schulen noch streitig ist,gemeinsamen und gleichsam selbstverständlichen Wahrheit geworden, um welche in frühererZeit Streit und Frage oder noch nicht einmal diese schwebte; so z. B. der menschlicheUrsprung der Sprache, die natürliche oder naturgesetzliche und nicht etwa aus Absichtund künstlicher Erfindung hervcrgehende Entstehung der Sprache, oder endlich der wechsel-seitige Einfluß von Geist und Sprache auf einander. Aber so weit wie wir denmenschlichen Geist und sein Thun überhaupt jetzt erkennen, so weit ist auch dieSprachwissenschaft vcrgedrungen. Tie Sprache als eine zugleich physiologische undpsychische Thätigkcit, bei den verschiedenen Stämmen der Menschen verschieden, im An-fang oder jenseits der Grenze der Geschichte begonnen, im Lanfe dieser mit Veränderungenfortgesetzt, bei Völkern und nach Ländern verschieden, erheischt zu ihrer vollen Erkenntnisnatürlich die Mitwirkung all der Wissenschaften, welche sich mit jenen Umständen be-schäftigen, die wir eben als Bedingungen derselben genannt haben; also Physiologie,Psychologie und Völkerpsychologie, Anthropologie und Ethnologie, Prähistorie, Linguistikund Sprachgeschichte einschließlich der Literaturgeschichte müßen auf die Sprache ange-wendet werden; sie alle werden auch von der Sprachwissenschaft wiederum unterstütztund genährt. Beides nun, Anwendung und Wechselwirkung ist für unsere Zeit ge-schehen; die Wissenschaft der Sprache ist so weit, wie sie durch die Mithülfe jener aufihrem gegenwärtigen Stande gefördert werden konnte. Und was sie über das Wesender Sprache lehrt, soll hier kurz erörtert werden.

Was heißt Sprache? Sinnlich warnehmbare (hörbare, sichtbare oder tastbare)Vorgänge, von einem psychischen Wesen erzeugt, dergestalt, daß jeder dieser Vorgängemit einem anderen psychischen Vorgang verbunden ist, dessen Inhalt von der bloßenAnschauung oder dem inneren Bilde jenes sinnlichen Vorgangs verschieden, aber dennochdie Ursache desselben ist; sind Sprache. Werden diese sinnlichen Vorgänge vonanderen Wesen wargenommen, dergestalt, daß sich an diese Warnehmung eben jenerandere psychische Vorgang wie im Erzeuger als Erfolg dieser Warnehmung anschlicßt,dann ist dies verstandene Sprache. Sprechen also im weitesten Sinne heißt:irgend eine psychische Regung (eine innere Anschauung, ein Gefühl, eine Begierde :c.)mit einer sinnlichen Aeußerung begleiten; Verstehen heißt: wargenommene sinnlicheAeußerungen mit einer ihnen entsprechenden psychischen Regung begleiten. An die Stelle