Lateinischer Unterricht.
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und fortgesetzte Anwendung gefunden. Seit dem Ausgange des 18. Jahrhunderts schwiegenselbst die Lehrbücher von ihr oder bezeichneten sie höchstens als ein unbrauchbares Ueber-bleibsel eines geschmacklosen und dem Selbstdenken weniger günstigen Zeitalters. Seitdem dritten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts hat man sie wieder hervorgesucht. Diecüria axütüouiaua *) kannte schon Aristoteles; die griechischen Rhetoren Theon, Hcrmo-genes und Aphthonios haben sie eingehend behandelt. Von den Römern wurde sie schonbei dem Arammaticus bearbeitet (tzuiut. I, 9, 3. II, 4, 26), Priscian hat den Text desHermogenes übersetzt. Der Name usus kommt daher, daß sich eine Sentenz oder
ein denkwürdiges Factum als nützlich für das Leben erwies (xgrtwScs) und daraus er-gaben sich Verbal- (loyrx^) und Real-Chrien (mgcexrr»^), zu denen noch als eine dritteForm rö kiöox hinzukam, o lö^ov Für die Ausführung
war ein reiches Schema in acht Theilen vorgeschrieben: äictum oum lauäo auctoris otroi, exMcatio oder xaraxürasis, causa oder aotiologla, coutrarium, simile, sxsmxlum,testimouia, couctusio oder xsroratio; dieses mußte in den Schulübungen vollständig durch-gearbeitet werden. Das führte auf bestimmte Gesichtspnncte und zeichnete zugleich einen festgeregelten Gang vor; bei der Mannigfaltigkeit der Theile war die eigene Erfindung desSchülers nicht ausgeschlossen. Wer sich gewöhnt hatte, durch feste Einübung der Chriedie bei ihr aufgestellten GesichtSpuncte zur Anwendung zu bringen, der hatte auch fürandere Arten von Aufsätzen bestimmte loci in Bereitschaft. Wenn man dagegensagte, sie lasse sich nicht auf alle Gegenstände der Darstellung anwenden, sie schließe dasNachdenken aus, sie sei bei einer gesunden Logik entbehrlich und als Formelwesen wenig-stens nutzlos, so übersah man dabei, daß es nur eine Vorübung für die Jugend sein sollteund daß die Alten schon sie sofort nach der Darstellung historischer Gegenstände (tabula,narrativ) gesetzt haben. Diesen Platz haben ihr auch diejenigen angewiesen, welche jüngstfür die Wiederbelebung dieser fast vergessenen Uebung eingetreten sind. So A. Göringüber die Benutzung der aphthonischen Chrie für den rhetorischen Unterricht in den ge-lehrten Schulen, Progr. von Lübeck 1826, Döderlcin in den öffentlichen Reden S. 279und Cron über Nutzen und Gebrauch der Chrie in Masius' Jahrb. der Pädag. Bd. 98S. 21. M. Seyffert, der in den Lcüolao lat. I. p. 191 noch behauptet hatte, daß daseinförmige und doch nicht in allen Theilen leicht auszufüllende Schema auch den begab-teren Schülern nicht recht gelingen wolle, hat in dem zweiten Theile derselben Lcliolas(1857, 1865) die Chrie mit großer Wärme empfohlen und in den Uro^muasmataausgeführte Beispiele zum Uebersetzen ins Lateinische gegeben. Durch ihn ist die Chriewieder mehr in die Schule gekommen, hat aber auch Widerspruch gefunden. Schräder(Erziehungslehre S. 386^) findet sie zu künstlich, um als geeignete Aufgabe und wirk-liche Förderung für alle oder auch nur für die Mehrzahl der Schüler benutzt werden zukönnen. Hirschfelder hält sie als Schablone für verwerflich; gerade sie habe den lateinischenAufsatz in Miscredit gebracht. Dietrich (in dieser Eucykl. VII. S. 154) sagt, die Chriemag im Alterthum eine nutzbare Vorübung für den Redner gewesen sein; in unseremLeben hat sie keine Stellung, in unserer Schule nur ein gekünsteltes, ein gequältes Da-sein. Auch im Auslande stellt man den Nutzen entschieden in Abrede, wie Zederitz inSchweden. Ich habe früher bisweilen eine Chrie machen lassen und dabei gefunden, daßdas coutrarium und das similo meist nicht gelingen, daß die oxsmxla und tsstimouiadurch gegenseitige Mitthcilungen der Schüler in der Regel bei allen übereinstimmen, daßdie conclusio auf eine fade Ermahnung hinausläuft und daß die laus auctoris meistnur in einem oberflächlichen Lebensabrisse besteht und gar keinen Zusammenhang mit dersxxositio hat, also rein als ein äußerlich angeflickter Theil erscheint. Die Uebergängepflegen meist aus dem Sehffertschen Buche entlehnt zu werden. Darum bin ich von
*) Bei der philosophischen Facultät der Universität Leipzig ist bis in unser Jahrhundert eineunter Klausur angefertigte Chrie die einzige schriftliche Leistung gewesen, die man von den Candidatendes Magisteriums d. h. der Doctorwürde forderte.