Druckschrift 
11 (1878) Rußland; Lateinischer Unterricht; Sprache
Entstehung
Seite
668
Einzelbild herunterladen
 

668

Lateinischer Unterricht.

zu leisten, ein großer Gewinn. 1839 hat Bürgermeister Reumann die Nothwendigkestder Abstellung des Lateinschreibcns und -sprechend auf Schulen und Universitäten zuerweisen gesucht. *) Seine Gründe sind leicht zu widerlegen. **) 1 . Der Gebrauchschreibt sich aus dem Mittelalter und der Zeit her, wo Staat, Kirche und Gelehrsamkeitsich nur dieser Sprache bedienten, jetzt hat das Latein diese Geltung verloren. Manführt dabei gern das stümperhafte Latein der Gelehrten, besonders in den akademischeDissertationen an (Köchly, vcrm. Blätter S. 23). Aber das beweist nicht gegen denGebrauch in den Schulen, welcher Sicherheit in der Sprachkenntnis, leichteres Verständ-nis der Schriftsteller, überhaupt Ausbildung des Geistes im Auge hat. Der Einwurfdaß die Sprache als eine in sich völlig abgeschlossene ein gefügiges Werkzeug für freieMittheilung nicht sein könne und für die Darstellung moderner Wissenschaft nicht aus-reiche, ist wenigstens für die Philosophie widerlegt, kommt aber überhaupt bei der Schulenicht in Betracht. 2 . Daß diese Hebungen auf die Kenntnis der Sprache und das Ver-ständnis der Schriftsteller schädlich wirken, kann höchstens bei ganz verkehrter Behandlungeintreten. 3. behauptet man, dieser Gebrauch thue dem Denken und dem mit der Denk-thätigkcit eng verbundenen Gebrauche der Muttersprache Eintrag, ja die deutsche Spracheund Litteratnr sei zu höherer Blüte erst gelangt, seitdem der schriftliche Gebrauch der latei-nischen Sprache abgenommen habe. Ich will nicht an die Blütezeit im Mittelalter undin der Reformationszeit erinnern, wo das Latein in voller Geltung war; aber habennicht unsere besten Schriftsteller im 18. Jahrhundert die Schärfe und Klarheit, die Kraftund Fülle ihrer Darstellung durch fleißige Hebungen im Lateinschreiben auf der Schuleerworben? Die lateinische Sprache ist so auf Regelmäßigkeit basirt, so von logischenGesetzen beherrscht, daß die Bildung des lateinischen Ausdrucks als die beste Propädeutikfür den deutschen gelten kann.

Man hat eine doppelte Art von Hebungen;***) entweder man giebt einen deutschenText zu schriftlicher Uebersetzung als Hausaufgabe oder zu mündlicher Uebersetzung inder Schule (Argument, Exercitinm und Scriptum, Composition, Stil, Pensum (Oestreich),Specimen) oder man giebt einen Tcrt nur mündlich zu sofortiger Uebersetzung (Extempo-ralien, Exccptionen, Subita, Extemporalstil in Baden, Extemporaneen). Gegen dieseExtemporalien sängt man jetzt immer mehr zu agitiren an. Quintilians Worte (X, 3, 10 )sit xrimo vol tarclus, änm äiliAons stilus und cito soridsnclo non, nt dono seridmiws,dons soridöncto üt, nt cito wird angeführt und dabei geltend gemacht, daß dieseHebungen zu einer gewitzen Unüberlegtheit und Nachläßigkeit im Schreiben führen. 7 )Gewiß wird dies geschehen, wenn man schon mit Anfängern sie machen läßt oderspäter die Aufgaben nicht nach den Fähigkeiten der Schüler wählt. Ist aber diesder Fall, so werden dieselben das Dictirte ohne wesentliche Fehler und auch mit dempassenden Ausdrucke nachschreiben. Ist der Text in möglichst kurze Sätze gefaßt, schließter sich möglichst eng besonders in dem lexikalischen Material an die Lectüre an oder ister aus lateinisch geschriebenen Aufsätzen entlehnt, so wird man ein günstiges Resultaterzielen und außerdem den Vortheil, daß man die Aufmerksamkeit und Theilnahme derganzen Elaste dabei in Anspruch nimmt, die Schüler nöthigt ihr Wissen stets bereit zuhaben und als Lehrer überdies Gelegenheit erhält zu sehen, was die Schüler ohnehäusliche Nachhülfe zu leisten im Stande sind.

*) I. W. Neumann, über die Nothwendigkeit einer Abstellung des Latein-Schreibens und -Redensauf Schulen und Univ^sitäten, Berlin 1839. 8. Eine scurrile Anzeige von Koppen steht in dmHöllischen Jahrb. 1839, Juli.

**) Miinscher, über den mündlichen und schriftlichen Gebrauch der alten Sprachen, besondersder lateinischen, Progr. von Hersfeld 1842, Mützell in seiner Zeitschr. II, S. 97, Soldan pralt.Gebrauch der lat. Spr. S. 36.. Jahrb. f. Phil. u. Päd. Bd. 88. S. 389-, Schmidt in LangbeinsArchiv 1864. S. 161.

***) Sturm bei Vormb. I, p. 676 1>. und 668 unterscheidet scriptum, sulntum und meäitatum.

1) Soldan S. 87 dagegen, Matthiä in den verm. Schr. S. 188 dafür. Vgl. auch Verhandl.der ersten schles. Dir.-Conf. S. 18 und der vierten pommerschcn S. 87.