Lateinischer Unterricht.
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In den oberen Classcn verlangte Wolf*) vor der Lectüre eine Einleitung, um denSchriftsteller in dem Kreise seiner Umstände und die Verhältnisse, unter denen er schrieb, be-kannt zu machen. Köchly forderte gar eine ausführliche litterarhistorische und in die ganzeZeit des Autors einführende Einleitung; das gehörte durchaus zu seinem Ideale von Schul-lectüre. Auch viele der Schulausgaben in der Weidmännischen und Teubnerschen Samm-lung geben zu umfangreiche Einleitungen. Ich befürchte, daß das Interesse des Schülersan der Lectüre dadurch vermindert wird. Figuren alter Bilder haben oft einen Zettel imMunde, um uns über ihre Person zu belehren; die alten Dichter schicken ihren dramatischenStücken einen kurzen Prolog voraus. Solche kurze Notizen werden in der Regel genügen,weil jedes wahre Kunstwerk durch sich selbst verständlich werden muß. Statt jener Prolego-mena gebe man lieber am Schlüsse der Lectüre einen Epilogus, in dem durch Verbindungder gewonnenen Einzelheiten dem vollendeten Werke die Krone aufgesetzt wird.
III. Schreibiibungen, Komposition, Stil (Baden).**)
So bezeichnet man die Hebungen im Uebersetzen aus der Muttersprache in das Lateinische.Daß dieselben zur Erlernung der Sprache nothwendig seien, hat man nie verkannt, ja manhat früher das Mittel zum Zwecke gemacht und die letzte Aufgabe der Schule darin gesucht,einen perfecten Lateinschreibcr, wo möglich einen Ciceronianer zu bilden. In der neuerenZeit hat mau diese Hebungen in den beiden alten Sprachen für unnütz erklärt und willsie um des praktischen Vortheils willen nur in den neueren Sprachen beibehalten. Be-trachten wir die Erlernung fremder Sprachen als ein vorzügliches Bildungsmittel, so sinddie schriftlichen Uebungen ein vorzügliches Mittel zur Erlangung dieser Kenntnis. Werdie lateinische Sprache spricht und schreibt, hat eine genauere Bekanntschaft mit derselbennothig, als wer das darin Gesprochene und Geschriebene nur liest und versteht. Dahergeht auch schon bei dem Elementarunterrichte Exponiren und Componiren Hand in Hand.Da aber diese Uebungen auf allen Stufen beibehalten werden, so treten noch andereVortheile hinzu. Zunächst ist ein genaues Verständnis des deutschen Textes erforderlich;grammatisches und lexikalisches Wissen muß bei dem Uebersetzen gegenwärtig sein, unddie Wahl des Ausdrucks, die Unterscheidung synonymischer Begriffe, die Vergleichungbeider Sprachen zwingt zum Nachdenken. Das ist noch viel nothwendiger, wenn eindeutscher Text in guten lateinischen Perioden übertragen werden soll, was ohne ein Ein-gehen auf den inncrn Zusammenhang und das gegenseitige Verhältnis der Gedanken garnicht möglich ist.
Unter den früheren Gegnern dieser Uebungen rede ich nicht von I. Locke oder vonI. P. Miller in der Schule des Vergnügens (Hall. Progr.) S. 78 oder von denPhilanthropen, gegen deren Angriffe Fr. Gedike einige Bemerkungen in der Schulschr.S. 289 gemacht hat, die aber auf der Oberfläche bleiben. In neuerer Zeit hat sichKlumpp***) gegen die Fortsetzung dieser Hebungen bis auf die höchsten Stufen des Gym-nasiums erklärt, soweit sie selbst produciren sollen. F. E. Beuecke hatte schon 1836 inseiner Erziehungs- und Unterrichtslehre II, S. 244 alles Lateinschreiben verworfen undsich in der zweiten Ausgabe S. 248 darauf berufen, daß auch Gymnasiallehrer die Aus-scheidung dieses Unterrichtsgegcnstandes als wünschenswerth anerkannt hätten. Er rühmtsich viele englische Bücher fast ohne Wörterbuch gelesen zu haben, ohne je einen Satzenglisch geschrieben und gesprochen zu haben. Das Letztere wird man ihm gern glauben; erübersieht dabei nur, daß er auf der Schule eine lateinische und griechische Vorbildunggehabt hat. Für Schüler, die zum ersten male in einer fremden Sprache Unterrichterhalten, haben diese Uebungen schon als Beispiele für die Grammatik ihren Werth:insoweit will auch K. v. Raumer fl) sie beibehalten. Aber es liegt darin, daß derSchüler dabei Gelegenheit erhält, das Gelernte selbständig zu verwenden, wirklich etwas
*) Arnoldt II, 21S.
**) Vgl. Schund in dieser Encykl. 1,^ p. 950.
***) Die gelehrten Schulen I, S. 170.
s) Gesch. der Pcidag. III, 1. S. 56.