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Lateinischer Unterricht.
Der sogenannten Stegreif-Lectüre d. h. dem Uebersehen ohne vorhergegangenePräparation kann man das Wort reden. Bei der Maturitätsprüfung wird sie ver-langt, überhaupt bei jedem Examen. In Oesterreich ist sie auf der obersten Stufe vor-geschrieben. Rothfuchs S. 27 will sie in allen Elasten, sogar bisweilen schriftlich,Lcuchtcnberger empfiehlt sie in einem Brombergcr Progr. 1872 S. 21, auch die erstePosener Directorenconferenz. Der Schüler kann dabei am besten zeigen, welche Schnellig-keit und Sicherheit in der Auffassung er bereits erlangt hat; aber nicht zu oft und nurals Ausnahme und nur zur Prüfung der Fertigkeit sollte man sie veranstalten.
Die Controle einer guten Vorbereitung besteht nicht darin, daß man die Vocabel-hcfte nachsieht*), einzelne Vocabeln abfragt oder gar eine schriftliche Vorübersetzung ver-langt. Sie zeigt sich schon bei dem verständnisvollen Lesen des Textes, noch mehr aber beider Ueb ersetz ung.
Hier ist zunächst daS Construiren zu erwähnen, das sonst regelmäßig geübt wurde,jetzt an vielen Orten kaum dem Namen nach bekannt ist. Rothfuchs hat wieder auf dieNothwcndigkeit desselben hingewiescn, denn gui rseto eonstruit, rsets vertat. Es handelt sichdabei um die Arten der Satzbildung, um die Reihenfolge und Ordnung, in welcher dieWörter der einzelnen Kommata zu nehmen sind. Nicht bloß der Quartaner und Tertianerwird durch Unkenntnis des ConstruirenS in dem Verständnis gehindert, sondern auch inden obersten Elasten gehen Fehler in der Uebersetzung oft genug aus ConstructicnSsehlernhervor. Vgl. Hüser in dem Archiv für Phil. n. Päd. Bd. V, S. 560.
Bei dem Uebersetzen ist zu beachten, daß man den übersetzenden Schüler nicht unter-breche, daß man ihm selbst bei Fehlern nicht zu rasch beispringc. Dadurch, daß maüihn vollenden läßt und dann erst einzelne oder die ganze Elaste fragt, ob alles richtigsei, wird man die rege Theilnahme derselben erwecken und mehreren Gelegenheit gebendie Frucht ihrer Präparation zu zeigen. Die hervortretenden Mängel werden den Lehrerauf manche der Erklärung besonders bedürftige Puncte aufmerksam machen. Des Schülerserste Uebersetzung muß möglichst treu sein; er darf nicht zu schnell von der wörtlichenUebersetzung abgeführt werden. Leider ist auch in Deutschland hier ein ErleichteruugSmittelgeschaffen, das in Frankreich schon lange unentbehrlich zu sein scheint, gedruckte wortge-treue Ucbcrsetzungen, welche seit 1872 Mecklenburg in Berlin von den üblichen Schriftstellernherausgcgebcn hat. Das Format derselben (Scdez) erleichtert es dem trägen Schüler siezwischen die Blätter des Textes zu legen. Die wortgetreue Uebersetzung ist nicht dasalte nä vsrbum intsrprsturi Z-örumnico, das besonders bei den sogenannten Methodikernüblich war. Eines hätten wir davon erhalten sollen, die Beibehaltung der Wortstellungder Schriftsteller, soweit es nur irgend möglich ist. Jetzt springt man damit ziemlichleichtfertig um und läßt die Kraft des Ausdrucks, sogar den Zusammenhang des Sinnesverloren gehen. Ein großer Fehler ist eS auch, wenn der Lehrer sogar bei dem Ueber-setzcn schwankt, den Ausdruck, den er anfangs gewählt hat, sofort selbst verbessert und damitauch den Schüler unsicher macht. Er muß für sich eine gute Uebersetzung mit rechter Sorg-falt auSarbeiten, die dann schließlich mitgetheilt der beste Abschluß der Erklärung ist.
Ob und wie der Schüler Uebersetzungen als Hülfsmittel gebrauchen dürfe, hat Kochschon in dem literar. Magaz. I, S. 72—75 erörtert und Göring hat die Frage: Wasdarf der Schüler von Uebersetzungen classischer Schriften aus dem Alterthum für Gebrauchmachen? in dem Neuen Jahrb. des Pädagog, in Magdeburg 1807. S. 3—36 behandelt.Allerdings vor 80 Jahren waren Uebersetzungen selten und theuer, gelangten daher wenig indie Hände des Schülers, aber auch damals schon wurde geklagt, daß es unmöglich seidie Schüler in Unbekanntschaft und gänzlicher Entfernung von den Uebersetzungen zu er-halten. Jetzt ist es anders; sie sind zahlreich und wohlfeil, werden daher von den Schülern,
*) Seume erzählt von dem Leipziger Rector Martini: „er drang auf sogenannte Präparir-zettel, die mir sehr zuwider waren. Denn unnöthiges Schreiben war gar nicht meine Sache." „Wohaben wir unsere Präparation?" fragte er mich einmal. „Hier," antwortete ich, und zeigte auf dieStirn. „Wir sind etwas keck, wir werden ja sehen." Sie war wirklich da.