Druckschrift 
11 (1878) Rußland; Lateinischer Unterricht; Sprache
Entstehung
Seite
657
Einzelbild herunterladen
 

Lateinischer Unterricht.

657

baren Verlust, wenn der Schüler nirgends Gelegenheit oder Aufforderung erhalte nament-lich die römische Elegie kennen zu lernen. Um der Empfindungen willen sollen sic einGegengewicht gegen den prosaischen Sinn unserer Jugend gewähren wozu mir dienationalen Dichter viel geeigneter erscheinen. Aber auch er denkt nur an Privatstudicn derSecundancr und für diese hat er seine Lesestücke bestimmt (1854. 1861. 1866. 1872),in denen Ovid den größten, Tibull nur einen ganz geringen Raum einnimmt. Ganzanders Volz, der seine Auswahl 1870 zwar auch für die Privatlectüre bestimmt,dagegen sie zwischen Ovid und Virgil auch in die Schullectüre einfügen will, alsoin Unter - Secunda; deshalb überwiegt Hei jihm gerade Ovid. Gebhardi *) ist mitkeiner dieser beiden Sammlungen zufrieden; er will, um einen Uebergang vondem Hexameter durch das elegische Distichon zu den lyrischen Maßen zu ermöglichen, fürSecunda eine Auswahl aus Ovids Fasten, Tristien und Pontusbriefen, für Prima wenigerPropcrz als Catnll (c. 2. 8. 9. 11. 66. 62) und Tibull; auch erotische Lieder schließter nicht aus, wohl aber päderastische. Nach meiner Ansicht sollte man von diesen Dichternweder Auszüge noch das Ganze lesen, um die Theilnahme für die eigentlich kanonischenDichter nicht zu verringern.

In die Prima gehört Horaz, namentlich die oarmiua, aber auch Satiren undBriefe dürfen nicht ausgeschlossen werden, und selbst einige Epoden oder vielmehr Jamben,wie er sie selbst nennt, werden einen guten Beitrag zur Kenntnis der jambischen Poesie derGriechen, besonders des Archilochus liefern. Die größte Schwierigkeit bietet die ar« xostieu.und doch hat man vorgeschlagcn dieselbe cursorisch zu lesen. Diesen Dichter kennt die ganzeclassisch gebildete Welt; er bietet in seinen Gedichten durch umfassende Weltkenntnis undfeine Beobachtung Lebensgrundsähe. Seine Werke haben auf die modernen Literaturen,besonders auch der Deutschen, großen Einfluß geübt.**) Die Uebertreibuugen, mit welchenman ihn in den Liedern als einen großen und erhabenen Dichter gefeiert hat, haben ihm inder neuern Zeit sehr geschadet. Erst in der Mitte der dreißiger Jahre entschloß er sichdie Dichtung des Alcäus und der Sappho auf römischen Boden zu verpflanzen und mitBienenfleiße hat er sich von den ersten Nachbildungen der äolischen Dichter erst zu freierenNachdichtungen, dann zu selbständiger Darstellung von Stoffen aus der Gegenwart undeigener Denkweise durchgearbeitet. Mit weiser Selbstbeschränkung ist er nicht über dasaeolische Melos hinausgegangen und hat uns dadurch einigermaßen einen schweren Verlustder griechische» Litteratur ersetzt. Als Lomanas liäiosn Izwas hat er die Anerkennung beidem Musenhofe des Augustus und dem jüngeren Geschlecht unter seinen Zeitgenossen undVerbreitung in die fernen Provinzen gefunden und seinen Werken Unsterblichkeit prophezeit.Sie sind früh in den Schulen der Grammatiker gelesen, wie er bst). I, 20, 17 sich selbst vor-hergesagt hat; zu Juvenals Zeit (VII, 226) steht er neben Virgil, und Quiutilian I, 8, 6 be-stätigt es, wenn er sagt Horatium in «puibusäsm nolim iuterxrotari, während man X, 1,96Izwicorum Uoratius lsro solns Io§i äi§nns nicht gerade auf grammatische Interpretationbeziehen darf.***) Die Redner schöpften aus ihm den poetions decor (Vaoit. ckial. 20).Schon das Alterthum hatte eine Menge von Erklären,, aber nur Porphyrion aus demdritten christlichen Jahrhundert und allerlei aus späterer Zeit, was sogar den Namen

*) Die Stellung der römischen Elegiker auf unsern Gymnasien in der Zeitschr. f. GW. N.F. X. S. 65.

*') Teuffel Charakteristik des Hör. S. 50. Fritzsche in Fleckeisens Jahrb. Bd. 88. S. 163.

***) Danüt soll die Ansicht Meierotto's Do rsdus ad auotorss cl. pertiusutibus dubia(Lsrol. 1785), daß Horaz bis hundert Jahre nach seinem Tode lange nicht mit dem Fleiße gelesen ist,womit Virgil und andere Dichter gelesen wurden, noch nicht widerlegt sein. A. Kießling in denVerhandl. der Kieler Philologen-Vers. behauptete zu rasch, daß Horaz in dem ersten christlichen Jahr-hundert kaum gelesen worden sei. Das reichste Material zu dieser Frage bietet M. Hertz in denHnalecta ad oarmiuum Uoratiauorum bistoriam in zwei ludioes scboiarum der BreslauerUniversität 1876. 1878; für Anklänge bei Ovid A. Zingerle in den trefflichen ArbeitenOvidiusund sein Verhältnis zu den Vorgängern und gleichzeitigen röm. Dichtern" in 3 Heften (Innsbruck).

Pädag. Encyklopädle. LI. 42