Lateinischer Unterricht.
647
Cicero, der sein Vorbild an manchen Stellen vielleicht noch übertreffe. Aber warumdann nicht lieber zu Cicero selbstZ greifen? Freilich erregt ihm der verdorbene Zustanddes Textes einiges Bedenken, er kommt aber darüber doch leicht hinweg, weil er auch dieFragen höherer Kritik vor dem Schüler behandelt wissen und sogar den Unterschied derDarstellung in den übrigen historischen Schriften des Tacitus zum Bewußtsein bringenwill. Von den Schulausgaben wie von Pabst und Heß (1841) genügt ihm keine; erist selbst 1872 damit aufgetreten und jetzt (1878) auch C. Peter.
Es bleibt übrig noch ein Wort über die Briefe zu sagen, bei denen allein wiederCicero in Betracht kommen konnte. Die Zeitgenossen haben die opistolao nci ^.ttionmals Urkunden für die Zeitgeschichte (denn einzelne sind viel verbreitet gewesen und auchfür die Öffentlichkeit bestimmt) bereits hochgestellt (Xopos ^.ttie. 16), die nächstenJahrhunderte haben die Sammlungen fleißig gelesen und cxcerpirt, z. B. Fronto (p. 107):omnos antom Livoronis opistnlus 1o§onclus oonsso mon sontsntm vol nmAis grmmomnos eins orntionos; oxistulis Oiooronis nidil ost psrkootius. *) Seit der Mittedes zehnten Jahrhunderts sind sie verschollen. Nach ihrer Auffindung durch Fr. Petrarcawurden sie von den Humanisten eifrigst gelesen und nachgeahmt. Das Bedürfnis latei-nischer Epistolographie sicherte ihnen einen hervorragenden Platz in den Schulen; alseine solche imitativ in Abnahme kam, betrachtete man sie als geschichtliche Urkunden,die recht lebhaft in das Treiben einer denkwürdigen Zeit und in das Leben Ciceroscinzuführcn im Stande sind. Man gieng auch hier wie bei andern Schriften von denkleineren leichten Briefen zu den wichtigeren und schwierigeren über (so I. Sturm),**)oder man zog eine chronologische Anordnung vor, wie Funck und Gesncr, ***) jetzt mischtman auch beide Grundsätze der Auswahl durcheinander. Wenn Kern statt der lang-weiligen philosophischen Schriften die Briefe will, weil Cicero darin „fein und liebens-würdig" sei, so hat er nur in jenem Tadel Recht, fl) Briefe als Eingebungen desAugenblicks und Mittheilungcn des Schreibers zu einem bestimmten Zweck mag derMann studiren, bei dem Schüler nimmt die sachliche Erklärung zu viel Zeit in Anspruch.Ja Luther meinte, daß die Episteln Cic. niemand recht verstehe, er sei denn 20 Jahrein einem fürtrefflichen Regiment gewesen, sisi) Hiecke behauptete, die darin uns entgegen-tretende Welt sei nicht für den jugendlichen Geist. Dazu kommt die nach den Adressatensehr verschiedene Darstellung, die Verwendung von ootticlimm vordus-ff) und die Ein-mengung von griechischen Floskeln aus der Umgangssprache. Vornmtumsn, schreibtCicero (aä kamil. IX, 21), gniä ogD tidi in oxistulis viäoor? nonno plodoio sormonon§oro toenm? gniä onim simiio Imbot epistuln aut iuäioio unt oontionibns? opistulascottiämnis vorbis toxoro Lolemus. Man weiß schon nicht recht, ob man die Briefe inPrima oder in Secunda lesen soll; manche Auswahl würde schon in die Tertia passen. Esfehlt nicht an ältern Sammlungen von Weiske (1796. 1813. 1824), Matthiae (1816, 1824,zuletzt von Müller 1849), Süpflc (seit 1836 oft wiederholt), besonders Fr. Hofmann (seit1860 drei Ausl.), welcher in der Auswahl Exil, Proconsulat und Bürgerkrieg berücksichtigthat,*f) und Frey (1864), der nach der alten Praxis die Familicnbricfc voranstellt unddann den Verkehr mit Freunden und Staatsmännern in's Auge faßt und in diesen Gruppendie chronologische Ordnung festhält. In England giebt es Ausgaben von Watson,Preton, Prichard, Aongc; in Frankreich von F. Sommer. — Wolf^fsi) wünschte eine
*) klm. op. IX, 2. Lillon. wgollin. I, 1.
**) Darnach 1651 in der Brannschw. Lüncb. SchO. bei Vormb. II, 417 und auch in Hallebei Vormb. III, 225.
*»*) Vormb. III. S. 388.
f) Mittelschule I. S. 559. Auch die vierte preuß. Dircctoren-Conserenz.
ff) Werk XXII. S. 2822. sä. Walch,fff) Wölfflin in Philol. 1874. S. 137.
*f) Ein zweites Bändchen ist von Andresen zu erwarten.
*ff) Arnoldt II. 163.