Druckschrift 
11 (1878) Rußland; Lateinischer Unterricht; Sprache
Entstehung
Seite
396
Einzelbild herunterladen
 

396

Russische Ostsceprovinzen.

besonders auf die Bauern, Wegnahme protestantischer Kirchen und Errichtung eines katho-lischen Bisthnms und Einführung der Jesuiten, die in Riga ein besonderes Collegiumgründeten, zu katholisiren, nicht verhindert. Die Versuche der letztem jedoch, das Schul-wesen in ihre Hand zu bekommen, fanden unter den Bürgern entschiedenen Widerstandund waren ohne Erfolg. Die beständigen Kriegsunruhcn und politischen Wirren ließenfreilich nur vereinzelte Bemühungen um die Förderung der Jngendbildung, wie besondersdie des Syndicus David Hilchen in Riga zur Geltung kommen. Während so Livlandund in geringerem Maße auch Estland den heftigsten und hinterlistigsten Eingriffen inseine kirchliche und politische Verfassung ausgesctzt und der Schauplatz wiederholter Kriegewar, erfreute Kurland sich einer günstigeren Lage, welches bei der Zerstücklung desOrdensstaatcs als erbliches Herzogthum dem letzten Ordensmcister Gotthard Kettlerzugcfallcn war. Ein eifriger und treuer Anhänger der protestantischen Kirche gab erderselben durch seine Kirchcnordnung (1570) eine feste Grundlage und nach allen Seite»hin gesicherte Stellung. In derselben bestimmte er, daß bei allen Hanptkirchcn die altenSchulen in den Städten und Flecken erneuert, erhalten und mit tüchtigen Lehrern ver-sorgt werden sollten, und versprach die Errichtung von 3 höheren Schulen, in denen erbesondere Stipendien für die Ausbildung auch von lettischen Knaben aussetzte. Schon1557 hatte er als Comthur die Gründung eines Gymnasiums zu Pernau lebhaft be-trieben, auf dem auch Esten und Letten gründlich unterwiesen und zum Predigtamtgeschickt gemacht werden sollten. Jetzt dachte er an die Errichtung einer allgemeinenLandcsschule in Bauske, ein Plan, der aber wie jener frühere nicht zur Ausführungkam, theils wegen ungünstiger Zeitverhältnisse, theils weil bei dem Adel im Lande dasInteresse für höhere Bildung wenig rege und daher auf Unterstützung von dieser Seiteistcht zu rechnen war. Eben deswegen erhielt Kurland erst 200 Jahre später eine solchehöhere Anstalt in dem Gymnasium in Mitau, obgleich wiederholt auf den Landtagendie Errichtung von Gymnasien und Erziehungsanstalten in Anregung gebracht wurde.Bei Kettler treffen wir zuerst eine klare Erkenntnis der Nothwendigkeit, auch der Schul-bildung des Landvolkes sich anznnehmcn: er selbst wohnte oft den Prüfungen bei, be-lohnte die Fleißigen und hatte gegen Ende seines Lebens die Freude, in den erstengedruckten Büchern in lettischer Sprache, den auf seine Aufforderung angcfertigtcn Uebcr-setzungen des Katechismus, einer Sammlung von geistlichen Liedern, sowie der Sonutags-evangelicn und Episteln ein wichtiges Hülfsmittcl für die Bildung des Volkes dargebotenzu sehen.

Erst nach der Unterwerfung Livlands unter Schweden erhielt durch die protestan-tischen Herrscher die Kirche auch hier geregelte Ordnungen und eine gesicherte Stellung,das Schulwesen Förderung und neuen Aufschwung. Gleich in den ersten Jahren nachHerstellung des Friedens gründete Gustav Adolf in Dorpat ein Gymnasium, sowie eineTrivialschule mit 3 Lehrern, um auch unter den niederen Elasten Aufklärung zu ver-breiten. Das Gymnasium in dem früheren Jesuitencollegium erhielt 8 Professoren; dieLehrgcgcnständc waren Theologie, Rechtsgelchrsamkeit und Arzneikunde, die hebräische,griechische, lateinische, deutsche, französische, lettische und estnische Sprache; Biathematikund freie Künste. Fünfzig Schüler ließ der König auf seine Kosten speisen; auch dieKinder der Bauern fanden Aufnahme. Dieses sogenannte Gymnasium wurde bereits1632 in eine Universität umgestaltet, die mit den gleichen Rechten wie die UniversitätUpsala ausgcstattet ward. Allein die Thätigkeit dieser Akademie wurde bereits 1656infolge der Eroberung Dorpats durch die Russen unterbrochen; die Professoren flohenmeist nach Reval, wo noch eine Zcitlang bis 1665 Vorlesungen gehalten und Jmmatri-cnlationcn vorgenommcn wurden. Erst 1690 wurde die Universität durch Karl XI. inDorpat wieder eröffnet, 1699 nach Pernau verlegt, bis sie 1709 infolge der Drangsaledes nordischen Krieges mit andern Lehranstalten ganz eingieng, um erst nach fast einemJahrhundert wiederzuerstehen. Wie in Dorpat, so wurden auch in Reval und Riga1631 Gymnasien gegründet. In Reval, wo bereits seit 1319 die Domschule bestand,