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Kretinismus und Idiotismus.
diejenigen Idioten enthält, deren ärztliche und sonstige Behandlung bessere Aussicht aufErfolg gewährt. Hier finden wir also nur wenige Beispiele hochgradiger körperlicherMißgestalt, um so mehr aber solche Idioten, deren Idiotie nachträglich aus Fallsuchtentstanden oder aus andren im Kindesalter eingetretenen, mehr zufälligen, als nach-weisbar vererbten Krankheiten hervorgegangen ist. In diesen „Heilabtheilungen' alsoliegt das Hauptfeld für die Thätigkeit des Arztes, wie für die des Lehrers und Er-ziehers, und während die ärztliche Aufgabe hier nicht näher zu betrachten ist, soll da-gegen die zweitgenannte jetzt eingehend beleuchtet werden.
Zunächst erhellt aus der Schilderung der den Idioten eigenen vielfachen Mängel,daß es sich bei ihrer Erziehung keineswegs nur von Ausbildung des Geistes, sondernbesonders auch von derjenigen der Sinnes- und der Bewegungswerkzeuge, von Weckungund Gewöhnung der Sprache, von Uebung in richtiger Ausführung der Tätigkeitendes alltäglichen Lebens handelt. Werden diese Zwecke verfolgt, so kann, was das höchsteZiel ist, in vielen Fällen erreicht werden, die Fähigkeit einer gewißen eigenen Führungim Leben, der Besitz einiger richtigen sittlichen Grundbegriffe und Regeln des Handelnsund ein gewisser Grad von Verwendbarkeit des Einzelnen in Lebensstellungen der ein-fachsten Art. Es ist zugleich aus der Besonderheit des hier auszubildenden Stoffesunmittelbar ersichtlich, daß eine und dieselbe Schule unmöglich gleichzeitig als Lehran-stalt für geistiggesunde Kinder und als Erziehungsanstalt für Schwachsinnige benutztwerden kann, und eben darin liegt die Nothwendigkeit der Forderung besonderer, aufdie geistige und körperliche Ausbildung der Idioten berechneter Anstalten*). Fernerliegt auf der Hand, wie sehr eine frühe Aufnahme der Idioten in diese Anstalten,spätestens mit Beginn des schulpflichtigen Alters zu wünschen ist; handelt es sich dochdabei nicht bloß allgemein um den Nutzen von der Anstalt, sondern oft noch ebensosehr, zumal bei Kindern von übler Abstammung, um Vermeidung derjenigen Schädigung,die sie von der schlechten geistigen Luft des Elternhauses zu erfahren haben.
Innerhalb der Anstalt hat sich die Erziehungsweise durchaus der Begabung desEinzelnen anzupassen; nur im allgemeinen kann daher ein Grundriß des Ganges der-selben gegeben werden. Zunächst ist der äußere Sinn der Kinder zu erziehen; durchlebhafte Sinneseindrücke ist ihre Aufmerksamkeit zu fesseln, ihr Vorstellungsvermögenanzuregen und mit einem mannigfaltigen Inhalt von Vorstellungen sinnlich gegebenerGegenstände zu erfüllen; zugleich sind die Kinder in der Achtsamkeit auf die Zuständedes eigenen Körpers zu üben und an regelmäßige Befriedigung des Nahrungsverlangenssowie an Reinlichkeit zu gewöhnen; dabei ist ferner ihr Wille zu wecken, sie sind in deneinfachsten Bewegungen der Hände und der Füße zu üben, sodann zu zusammengesetztenBewegungen in Gestalt von Spielen, später von Turnübungen anzuhalten, endlich istihre Handfertigkeit auszubilden und ihnen in der Gewöhnung an einfache Arbeiten undanhaltende körperliche Thätigkeit eine wenn auch mäßige Erwcrbsfähigkeit zu sichern.Gleichzeitig wirkt die strenge Ordnung in der Anstalt, der Umgang mit Kindern ihrerBegabung, wie mit gesunden und liebevollen Erwachsenen, und der abgemessene Wechselzwischen Thätigkeit und Ruhe belebend auf ihre geistige Kraft im ganzen und besondersveredelnd ans ihre sittliche Entwicklung. Der weitere Unterricht ist wesentlich Anschauungs-unterricht und fällt bei Kindern, welche nicht sprechen können, in einen: Stücke ganz mitdem der Taubstummen zusammen, während bei andern die Ausbildung des mangelhaftenSprachvermögens einen der wichtigsten Gegenstände des Unterrichts ausmacht. Wenn durchunermüdliche Uebung der Sinne, durch eine schrittweise vorgehende Anregung von Vor-stellungen durch Erweckung höherer Gefühle (auch mittelst Musik) die geistigen Fähigkeiten
*) Es wäre ein großes Glück für viele Idioten leichteren Grades und gleichzeitig eine Ent-hebung der Lehrer von unsäglicher, fruchtloser Mühe, wenn alle jene Kranken aus den für gesundeKinder bestimmten Schulen, in welchen sie vergeblich nachgeschlcppt werden, entfernt und inJdiotenanstalten versetzt würden, wo allein sie noch zu leidlich brauchbaren Menschen herangebildetWerden können.