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Crctmisiims und Idiotismus.
Fällen gar keinen solchen Kern, den wir dem Ich des Gesunden vergleichen möchten,eigentlich keine Spur eines selbständigen und selbstthätigeu geistigen Wesens mehr.So ist das Leben der Tiefststehenden nur ein Traum ohne alle bewußte Lebensäußerung.Andere verrathen wenigstens eine Spur von Warnehmung der Außenwelt, von Erkennungeinzelner Personen und Dinge, Beachtung einzelner oft gehörten Laute, während sieselbst noch der Sprache völlig bar sind; sie fehlt ihnen entweder aus Mangel an Leb-haftigkeit der Vorstellungen oder aus Mangel der Rückwirkung dieser Vorstellungen aufdie dem Sprechen dienenden Werkzeuge. Mit dem gesprochenen Wort fehlt ihnen aberauch das innere Sprechen und damit das wesentlichste Glied für die Bildung der Abs-traction*). Höchst merkwürdig und für Pfleger und Erzieher beachtenswerth ist, wie.zuweilen die ^Aufregung einer heftigen Krankheit auch bei solchen tiefsteheuden IdiotenSeelenäußerungen und Fähigkeiten hervorruft, welche für gewöhnlich gebunden waren,welche aber den Schluß zulassen, daß bei einzelnen von ihnen im gewöhnlichen Zustandeweit mehr, als es geschienen, in die Seele ausgenommen und in ihr gebildet wordenist, was sich nur nicht äußern konnte, aber doch seinen Gehalt zurückgelassen hat. —Auf der nächst höheren Stufe beobachten wir schon einen merklicheren Gehalt an Vor-stellungen und eine Verarbeitung derselben zu einfachen Urtheilen und Schlüssen; aberdie Arbeit geschieht nicht rasch, unwillkürlich, wie beim Gesunden, sondern träge undnur infolge starker äußerer Anregung; die Sprache ist höchst unvollkommen, aber dochvorhanden. Hier beginnt das von jetzt an sich immer erweiternde Feld des Erfolgespassender Behandlung und Anleitung. Steigen wir noch eine Stufe höher, so finden wirbei schon ergiebigerer Bildung von Vorstellungen fertigeres Sprechen, am Ende auchLesen und Schreiben, also gesteigerte Verkehrsfähigkeit. Allein mehrere geistige Ver-richtungen zugleich oder sehr rasch nacheinander auszuführen, ist unmöglich; daher dasVerständnis im allgemeinen langsamer, das Urtheil unbeholfener, unsicher und un-selbständig, die Welt der Begriffe nur an ihren Grenzen erreichbar und auch dort nurunter fremder Führung; das Gedächtnis bleibt die einzige, recht zugängliche Seite fürdie Erziehung und letztere bringt es eben höchstens dahin, daß der Zögling in einemganz einfachen Lebenskreise mäßige Anforderungen an ein vernünftiges Denken undHandeln befriedige und sich etwa noch durch eine mehr nachahmende Thätigkeit nützlichmache. Scheinbar im Widerspruch mit diesem Urtheil steht das bei einzelnen Idiotenleichteren Grades beobachtete Vorkommnis einseitiger, das gewöhnliche Maß beim Ge-sunden erreichender oder überschreitender Fähigkeiten, die sich z. B. auf mechanischeArbeiten, Musik, Arithmetik, Wvrtgedächtnis, Zeichnen und dgl. erstrecken. Es habensich hier allerdings einzelne Vorstellungskreise rasch und mühelos entwickelt; sie liegenaber alle, wie ein Blick auf die genannte Reihe zeigt, auf demjenigen Geistcsgebiet, dasin engster, ununterbrochener Verknüpfung mit sinnlicher Warnehmung oder Erinnerungsteht (nicht am wenigsten gilt dies von den einfacheren Verrichtungen der Arithmetik);das hauptsächlich in Anspruch genommene Vermögen ist also auch hier das Gedächtnis,das nur scheinbar dasjenige des Gesunden übertrifft, denn wenn es an Stärke dasletztere überragt, so steht es ihm, vermöge des geringen Vorrathes aufbewahrter Vor-stellungen, an Utnfang ebenso viel nach; von freier, schöpferischer Thätigkeit ist, wiebei allen Geisteskranken, auch hier nie die Rede; einen Idioten, der z. B. aus eignemNachdenken einen arithmetischen oder geometrischen Satz, auch einen der allereinfachstenArt aufgefunden hätte, hat es sicher nie gegeben; vollends aber die andern oben be-zeichneten Gebiete geben reichlich Raum für eine halbbewußte, instinctive, ^ den Triebes-äußernngen der Thiere sich annähernde Thätigkeit — ein Gedanke, zu dem uns mitwenigen, abwärts gerichteten Schritten schon unsere tägliche Beobachtung an Gesunden
*) Die Verhältnisse der Sprache sind so eingreifend in den ganzen Bildungsvorgang desInnern und so entscheidend für die Möglichkeit der Erziehung und des geistigen Weiterschreitens,daß die Eintheilung der Idioten nach der Sprachfähigkeit in der That zu den treffendsten gehört,die mau anfstllen kann.