Druckschrift 
1 (1876) A - Dänemark
Entstehung
Seite
1013
Einzelbild herunterladen
 

Crctiilismns und Idiotismus. 1013

häufig durch Compcnsation die Schädclgestalt in der einen oder andern Richtung er-weitert, so daß sehr verschiedene Formen zu Stande kommen.

Welche Mängel im Aufbau des Gehirnes den beschriebenen Misbildungen desSchädels im einzelnen entsprechen, ist bis jetzt höchst unvollständig bekannt. Wäre demaber auch anders, so liegt doch die Kenntnis von den Verrichtungen der einzelnen Thcilcdes Gehirns*» trotz verschiedenen, zweifellosen, aber noch zerstreuten Feststellungen nochso in den Anfängen, daß wir ohne Brücke von der im Kopfe verkörperten Grundlageder Idiotie zur Betrachtung ihrer in den geistigen und körperlichen Verrichtungen sichkuudgebendcn Erscheinung übergehen müßen.

Der Idiot ist zunächst ein von Geburt oder von früher Jugend an in seinergeistigen Entwicklung zurückgebliebener Mensch, welcher die seinem Alter und seinenLebcnsverhältnissen entsprechende Bildung und Erziehung nicht erreichen kann oder nichterreicht hat; er steht tief unter dem durchschnittlichen Maße von Verstand, so daß wirseine geistige Fähigkeit oder vielmehr Schwäche theils als Schwachsinn, thcilsals Blödsinn bezeichnen. Diese Schwäche hat dabei ihren Mittelpunct in den höheren,rein geistigen Vorgängen was sein Leiden deutlich scheidet von den wesentlich nurauf Sinnenmangel, z. B. ans Taubstummheit, beruhenden geistigen Unvollkommenheiten und sie erstreckt sich, als eine schon die frühe Entwicklung betreffende Hemmung,wenigstens so weit annähernd gleichmäßig auf alle Richtungen des Seelenlebens, daßsie ihn in scharfen Gegensatz bringt zu der weit mehr einseitigen Verödung des geistigenGebietes, welche der im späteren Leben entstandene Blödsinn darstellt. Der Idiot, trotz-dem seine auffällige Unvollkommenheit bei den höheren Graden uns kaum noch erlaubt,ihn mit der in sich doch vollendeten Thierwelt zu vergleichen, hat hingegen auf den-jenigen Stufen, wo geistiges Leben sich äußert, hierin (nicht körperlich) einen gewissenkindlichen Ansdruck und behält ihn. Seine enge Verknüpfung mit der Sinnenwelt,soweit er überhaupt noch erregbar ist, der Mangel alles ans entferntere Ziele gerichtetenStrebens, der rasche Wechsel freudiger und unangenehmer Erregungen, die Unmittel-barkeit der Rückwirkung auf Reize, für die er noch zugänglich ist all das unter-scheidet ihn und läßt ihn erkennen als einen auf der frühesten Stufe geistigen LebensStehcngcbliebencn.

Worin besteht nun im einzelnen seine Schwäche? Erinnern wir uns dabeizuerst, aus welchen Bausteinen sich langsam die geistige Entwicklung des Kindes auf-baut, wie die Verarbeitung der sinnlichen Eindrücke und die Bildung der inncrn Be-wcgnngsanschaunngen die eigentliche Grundlage seiner geistigen Entwicklung ausmachen,so daß Unvollständigkeit der durch die Sinne gelieferten Berichte von der Außenweltund Unfähigkeit, diese Berichte aufzufassen und zu vcrwerthen, an der Spitze der Hin-dernisse geistiger Entwicklung stehen mäßen. >Jn den schweren Fällen der Idiotiewerden nun in der That aus den sinnlichen Eindrücken (von ihrer Beschaffenheit selbstsoll später noch die Rede sein) nur sehr wenige Vorstellungen gebildet und diese wenigensind so flüchtig und oberflächlich, daß sie vereinzelt bleiben und schwinden und an ihnen dieverallgemeinernden Vorgänge (die Abstractionsproccssek fast gar nicht pon statten gehen.Cs fehlt also an jener bei jedem Gesunden ganz unwillkürlich erfolgenden Bewegungund Verarbeitung der sinnlichen Eindrücke, welche sie durch Verknüpfung mit andernerst zu einem wirklichen geistigen Besitz unseres Innern macht; cs fehlt an einein festengeordneten Gedankeninhalte, der die neu entstehenden Vorstellungen kräftig aufnehmen,die Willensantriebe bestimmen, Urtheile erzeugen, der mit einem Worte ein Ichhcrausbilden könnte. Wir sehen also Mangel an Aufmerksamkeit, Gedankenlosigkeit,mangelhafte Neihenbildung und Rcihenwiederholung (Gedächtnisinangel), Unmöglichkeitdes Urtheilens und Fehlen alles eignen geistigen Triebes; wir sehen in den äußersten

*» Bei einzelnen Idioten, zumal Cretinen finden sich auch noch bedeutende Mängel amRückenmark.