1004
Coiifil'iilatioii und Abendmahl.
vom dreißigjährigen Kriege herbeigeführte geistliche Verwüstung wieder so ziemlich vomBoden der evang. Kirche verschwinden. Bezeichnend ist es, daß die bedeutendsten Dog-matiker des k6. und 17. Jahrhunderts, ein Selneccer, Quenstädt, Hollaz, Buddeus,selbst wenn sie von der kathol. Firmelung widerlegend sprechen, der evang. Confirmationmit keinem Worte gedenken. Es mußte ein neuer Anlauf genommen werden, wenn sieallgemein sich Bahn brechen sollte. Derselbe gieng von einer Richtung aus, die imGegensätze zur todten Orthodoxie, zum fleischlichen Sichverlassen auf die Taufgnade,theils von Seiten der Geistlichen, die nicht Ernst genug zum katechetischen Unterrichtbrauchen, theils von Seiten der Pfarrkinder, die ihre Seligkeit nicht mit Furcht undZittern schaffen wollten, auf einen die Bekehrung wirkenden Unterricht, auf eine kräftigeErinnerung an den Taufbund, ja eine Erneuerung desselben, auf ein gläubiges Bekennt-nis und namentlich auf ein feierliches Gelübde drang. „Biele ruhen darin", schriebGroßgebaur, „wie sie denn leider! oft so gelehrt werden, daß sie in der Taufe bekehrt
worden und von der Taufe an bekehrte Christen seien_ Die Bekehrung aber
kommt durchs Wort Gottes. Aber wie viele sind deren unter uns, die da wissenoder sich besinnen können, daß sie je sollten das Wort Gottes so betrachtet oder gehörthaben, daß sie dadurch einen Zug vom Vater gefühlt, die Macht Gottes im Worteempfunden und bis auf die Durchstechung des Herzens dasselbige gehört und von
derselbigen Zeit an ihre Herzen sind verändert worden_ Ach, wie wohl thäten hier die
Diener Gottes, wenn sie den armen Leuten aus dem Traume hülfen und ihnen sagten, daßzu dem empfangenen Sacrament der Taufe ein durchs Wort Gottes bekehrtes und erleuch-tetes Herz kommen müßte, sobald daß Kind zwischen seiner rechten und linken HandUnterschied machen kann." (Bachmann, S. 130 f.) Er nennt die Confirmation, die erempfiehlt, ein „gleichsam aufs neue zum Taufbad führen." Was Großgebaur wünschte,das hat Spener in unermüdlicher Arbeit ins Werk gesetzt, von lutherischer Anschauungausgehend und sie im wesentlichen festhalteud, aber mit dem ernsten Streben, dentodten überlieferten Glauben zu lebendigem Glaubensbesitz zu machen. Die katechetischeUnterweisung ward mit neuem Eifer getrieben, auf die innere Aneignung des Wortes,auf das Umsetzen der Lehre ins Leben, auf Erweckung und Bekehrung ward großesGewicht gelegt, der Unterricht bekam einen mehr seelsorgerlichen Charakter, der eigent-liche Confirmandenunterricht im Pfarrhaus bildete sich aus, das Examen sah mehr aufErkundung des Herzenszustandes als des Stehens in der Kirchcnlehre, das Bekenntnisward nicht mehr wie sonst allgemein im Symbol der Kirche, sondern in selbstverfaßtcnWorten abgelegt und trat allmählich hinter dein „Versprach", dem Gelübde zurück, undwie die Taufe nach 1 Petr. 3, 21 vorzüglich als Bund zwischen Gott und den Menschenaufgefaßt ward, so die Confirmation als Erneuerung des Taufbundes. Was beiSpener durch den soliden Grund orthodoxer Lehre, auf dem er stand, noch gemildertwar, das schlug bei den Jüngern, z. B. dem Tübinger Matth. Pfaff kräftiger durch,als eine heilsame Reaction zwar gegen todte Orthodoxie, aber auch als eine Erweichungder Objectivität des Sacrameutes und Worts. Die Confirmation ward infolge dieserBewegung im vorigen Jahrhundert allgemein eingeführt. — Der Rationalismus hatdann in seiner völligen Haltungslosigkeit zwar äußerlich die liturgischen Bestandtheileder Confirmation beibehalteu, aber unfähig, die Kraft des Sacraments und Wortes zufassen, ein willkürliches subjeetivistisches Gemenge von Unterricht gegeben, darauf sichentweder das alte kirchliche Bekenntnis ablegen lassen, das zum ganzen sonstigenCharakter der Handlung nicht paßte, oder ein neues fabrieirt, hat in seiner Vorliebe fürgute Vorsätze solche in feierlichem Schwur von den Kindern abgcnommen, und in senti-mentalen Reden und unkirchlicher Handlung aus der Confirmation wieder ein „Gaukel-spiel" und „Lügentand" gemacht, über welchem das Sacrament der Taufe in dendunkelsten Schatten gestellt ward. Je mehr der Herr der Kirche zurücktrat, destogespreizter drängte sich der Diener hervor, je weniger man aus dein Worte Gottes sichzu erbauen wußte, desto mehr suchte man durch menschliche Erfindungen zu rühren, jemoralischer die Lehren wurden, desto unmoralischer gaben sich die jungen Communicantcn