48 Adeliche Erziehung.
stritten wird: und er möge es thun, da es noch Zeit ist.*) Seine kommenden Gene-rationen werden tüchtig gewappnet sein müssen, um würdig zu bestehen. Die zeitgemäßeErneuerung der genoßenschaftlichen Verbindung und der Erziehung in ihrem Geiste,zugleich eine der bedeutendsten Rechtshülfen invvlvirend, wird dem adelichen Stande,vor dessen einzelnen Gliedern unser Volk noch so vielfach herzliche, unwillkürliche Achtunghat, zu seiner eigenen Reinigung und Verjüngung die rechten Mittel bieten. Der alteAdel wird gegen die Neugeadelten, unter denen viele sind, welche wahrhaft adelicheGesinnung haben, nicht spröde sein dürfen. Ohne übrigens die dem Adel selbst ver-derbliche sociale Absonderung zu befürworten, mit welcher jene Verbindung mit denStandesgenoßcn nicht verwechselt werden darf, wird dabei doch hervorgehoben werdendürfen, daß der Adel ein persönlicher, kein bloßer Geld- oder Vermögensstand ist, daßman das persönliche Prineip des Adels nicht aufgeben darf, um etwa das des großenGrundbesitzes an seine Stelle zu setzen. Dort ist die Person und die Familie entscheidend,und der Güterbesitz ist nur die Gewähr für die Fortdauer des adelichen Lebens und dergroßen adelichen Interessen: hier entscheidet das Vermögen als solches. Eine Genoßen-schaft der Grundbesitzer kann das Geldbrotzenthum, das durch Speculation, durch Quack-salbereicnverkauf steinreich gewordene, wesentlich gemeine, nicht fernhalten: der Adelkann es und thut es. Eine adeliche Schule würde also diesem schönen, tüchtigenFamilienpriucip würdig entsprechen — und wenn bürgerliche Pädagogen dagegen sind,so mögen sie sich erinnern, daß sie vielleicht selbst ihr Töchterchen in das Institut, wodie angeblichen Honoratiorentöchter sitzen, und nicht in die bürgerliche Mädchenschuleschicken, damit sie nicht mit gemeinen Mädchen zusammen kommen. Solche Adelsgegnergehören zu dem unverbesserlichen, freiheitliebenden Geschlecht, welches den Schülern kein„von" vor dem Namen erlauben will.
Recht wohl wißen wir übrigens, daß viele Adeliche eine besondere Anstalt für dieBildung ihrer Söhne durchaus nicht für ein Bedürfnis halten und keineswegs abgeneigtsind, dieselben in die allgemeinen Vorbildungsanstaltcn des Staats für die Hochschuleu. s. f. zu schicken. Sie mögen im ganzen und großen gegenwärtig wohl auch Rechthaben wegen der sogleich noch zu besprechenden Verhältnisse. Was das Wissen betrifft,dafür ist in den Staatsanstalten ja meist trefflich gesorgt; die Erziehung aber für denStand ist ohnehin mehr noch Sache des Hauses als der Schule. Allerdings könnensie aber auch erwarten, daß eine adelsfeindliche Tendenz in den für alle bestimmtenAnstalten nicht genährt werde. Wenn irgend ein Lehrer sich Räsonnements und Ausfällegegen den Adel erlaubt u. dgl., so wird das auf die jungen Adelichen wohl wenigwirken, wohl aber eine verbitterte Polemik in die Schule verschleppen, auf eine wahrlichunpädagogische Weise.
Wie und worin nun aber der junge Adel erzogen und gebildet werden soll, wirdman fragen. Der Verfasser gegenwärtigen Aufsatzes gesteht, daß ihm nicht bloß seinerNatur nach Gabe und Lust nicht verliehen ist, u priori Organisationspläne und päda-gogische Theorien zu entwerfen; sondern sogar, daß er sie im vorliegenden Falle nochfür überflüssig halten würde. Dafür wird ohnedem der Adel selbst zu sorgen haben,
*) In der Zeit begeisterten Aufschwungs deutscher Volksthnmlichkeit nach dem Sturze derFranzosenherrschast sollte von der ehemaligen Reichsritterschaft ein Adelsverein gegründet werde»,die „Kette" genannt, Lessen Zweck sein sollte: auf den sittlichen und wissenschaftlichen Zustanddes deutschen Adels vortheilhaft zu wirken, im häuslichen wie im öffentlichen Leben, den wahre»,atterthnmlichen Sinn wieder zu erwecken, und durch Beispiel und Zuspruch dahin zu streben, daßjede körperliche und geistige Bildung unter dem deutschen Adel immer mehr fortschreite. In Kreiseund Gauen getheilt, durch Vorsteher geleitet und zu regelmäßigen Versammlungen zusaminentretendsollte der Verein den gesammten deutschen Adel als eine organisirte Körperschaft umfasse», denselben„fest wie die Ringe einer Kette Zusammenhalten und weder Anfang noch Ende zeigen, an dem di-Gtieder getrennt und von einander entfernt werden konnten." ES ist bei dem Entwürfe geblieben.
Häufler, deutsche Geschichte vom Tode Hrtedr. des Gr. bis zur Gründung des deutschen Bunde«.
Berlin I8S7. IV. Band. S. t-77.