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Abneigung.
Abrichten.
bescheidenes Schweigen zu gebieten, ohne die Schärfe des sittlichen Urtheils abzu-stumpfen und ohne dem sittlichen Freimnth Abbruch zu thun, der die conventionelleForm nicht über die Wahrheit erheben mag. Leider wird in unserem abgeschliffencnCulturleben der sittliche Jnstinct, die Unmittelbarkeit des Gefühls nicht minder früh-zeitig geschwächt, wie die auf sittlichem Bewußtsein und klarster Erkenntnis ruhende Ab-neigung, und es geschieht „der Höflichkeit willen" nicht selten, daß der junge Menschseinen Widerwillen gegen eine moralisch schlechte Persönlichkeit nur zu bald über-winden und in jene moralische Indifferenz überleiten lernt, die weder warm noch kalt ist.
A. W. Grube.
Abrichten, Dressiren ist ein Beibringen bloß äußerlicher Fertigkeiten, wobei !man von der Basis innerlicher Entwicklung völlig absieht und bloß zufällige Zwecke,sei es das eigene Vergnügen oder den eigenen materiellen Vortheil, im Auge hat. Derabzurichtende Gegenstand wird also als ein Wesen ohne persönlichen Werth, als einWesen, das kein Recht auf innerliche Ausbildung hat, folgerichtig dann auch als bloßeSache, als bloßes Mittel, nicht als Selbstzweck behandelt. Hieraus ergiebt sich, daßder Mensch nie und unter keinen Umständen zum Gegenstand der Abrichtnng ge-macht werden darf. Sofern aber zur Aneignung von Fertigkeiten immerhin noch dasVermögen seelischer Willkür nöthig ist, so können seelenlose Geschöpfe, z. B. Pflanzen,Steine, nicht zur Abrichtung verwendet werden. Es bleibt also als eigentliches Gebiet,in welchem die Abrichtung berechtigt und möglich ist, nur die Thierwelt übrig. DerMensch darf, die Pflanze u. s. w. kann nicht abgerichtet werden. Pferde, Hunde,Falken u. s. werden abgerichtet, indem man ihre thierischen Fähigkeiten und Triebe be-nützt, um ihnen gewiße Fertigkeiten beizubringen, die man zum eigenen Vergnügen oderNutzen auszubeuten beabsichtigt. Aber auch hier schon empört sich unser sittliches Ge-fühl und brandmarkt es als eine Mißhandlung des Thiers, wenn die Dressur die inder Natur, in den Anlagen und Bedürfnissen des Thiers gegebenen Schranken nichtachtet. Ein an der Menschenwürde begangener Frevel aber ist es, wenn menschlichePersonen zur Abrichtung mißbraucht werden. Sie ist jedoch nur bei noch unerzogenen,aber erziehungsfähigen Personen möglich. Man rechnet sie gewöhnlich zu den einsei-tigen Erziehungsweisen und das ist sie allerdings in so eminentem Sinn, daß mansie eigentlich nicht mehr Erziehung nennen kann. Die wahre Erziehung hat immer dieTotalität des Wesens ihres Zöglings im Auge, sie sucht nicht die äußere Seite desMenschen auf Kosten der innern zu cultiviren; sie sucht den ganzen Menschen zu demheranzubilden, was er seinen Anlagen und seiner Bestimmung gemäß werden kann undsoll, und schließt sich bei ihrem Geschäft stets an die innere Entwicklungsstufe ihresZöglings an. Die Abrichtung verleugnet das Gesetz harmonischer und allseitiger Bil-dung, sie reißt das nach außen gerichtete Seelenleben von der Wurzel des innerenGeisteslebens los und arbeitet bloß daran, die äußeren Seelen- oder gar nur Körper-thätigkeiten zu glänzender Virtuosität zu bringen, ohne für den geistigen Unter- undHintergrund zu sorgen. Sie tritt auf dem Gebiet der menschlichen Erziehung in drei-facher Richtung auf. Man kann unterscheiden zwischen gewerLlich - künstlerischer,sittlicher und intellectueller Abrichtung. 1. Die gewerblich-künst-lerische Abrichtung kommt z. B. vor, wenn Kinder von frühester Jugend an zuSeiltänzerkünsten, zu theatralischer Production (man erinnere sich an das herumziehendeKinderballet der Madame Weiß), zum musikalischen Virtuosenthum u. s. w. dressirt, oder,wie es bei Fabrikkindern häufig der Fall ist, zu mechanischer Handarbeit verwendet wer-den, ohne daß weder für ihre allseitige innere Ausbildung gesorgt*), (es geschieht dieshöchstens auf einseitige Weise, so weit es der Zweck der Dressur erfordert) noch derfreien Selbstbestimmung in Absicht auf die Wahl ihres Lebensberufs Rechnung getra-gen wird. Häufig streift die Erziehung zur Arbeit in unfern niederen Ständen über-
*) Das es lobenswerthe Ausnahmen giebt, sieht man aus V. A. Hubers Englischen Reise-briefen S. 68. 80 ff., wo sehr Ansprechendes aus England berichtet wird. Mit Obigem soll dahernicht die Verwendung der Kinder zur Fabrikarbeit absolut verworfen werde».