Abneigung.
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Erziehern die sichtbaren Träger der unendlichen Weisheit, Güte und Liebe zu verehren;cs fühlt aber auch instinctartig, wenn die Gottheit, die es anbetcn soll, keine Liebe hatund nur das Ihre sucht oder es an der Grundbedingung sittlicher Güte, der Gerech-tigkeit, fehlen läßt. Sobald die Eltern anfangen, ein Kind vor den andern Ge-schwistern zu bevorzugen, oder die Lehrer einem Schüler bei Dingen durch die Fingerzn sehen, die sie bei dem andern auf das strengste ahnden: werden Grundsteine zurAbneigung gelegt, auf denen sich nicht selten der Haß ein festes Gebäude errichtet.Ist der Zögling vollends dahinter gekommen, daß der Erzieher anders handelt alser spricht, daß er vom Affect sich leiten läßt und heute kalt ist, wo er gestern warmwar, daß er zeitliche Rücksichten höher achtet als das Heil der unsterblichen Seele:dann erscheint ihm Ermahnung und Unterricht wie eine große Lüge und er kann denErzieher „nicht mehr leiden."
Die Abneigung ist wie die Neigung ruhig; sie kann mit ihrem Objecte langeverkehren, ohne sich äußerlich bemerkbar zu machen; tritt sie lebhaft ins Gefühl, sodaß sie eine Gemüthsbewegnng hervorruft, nennen wir sie Antipathie, die alsGegensatz des Begehrens sich zum Abscheu steigert. Es gehört hierher die bei Mäd-chen so gewöhnliche Scheu vor Spinnen, Raupen, Mäusen und andern unschädlichenThieren, welche durch sorgsame, verständige Eltern schon sehr früh abgewöhnt werdenkann, ohne daß man im geringsten der weiblichen Zartheit zu nahe träte. „DieseScheu vor jedem den Sinnen widerwärtigen Anblick hängt mit etwas viel Wichtigeremgenau zusammen. Die nämlichen Mädchen, welche erklären, sie können keine Spinneberühren, keine Maus sehen, ohne zu erschrecken, pflegen auch zn sagen, sie können keineoffene Wunde sehen, keinem Aderlaß anwohncn, überhaupt „kein Blut sehen." Unddoch ist es jeder wahren Hausmutter Pflicht, im Hause und in der Nachbarschaft alleDienste einer barmherzigen Schwester zu verrichten, wenn es Noth thut, und uner-schrocken, besonnen und geschickt hülfreiche Liebe zu üben." (Raumer, Gesch d. P. III,b. S. 185 .) Viel schwieriger zu behandeln ist die moralische Antipathie: weil beiden Kindern der Glaube an die sittliche Persönlichkeit noch so rein und innig ist, trittauch ihre Abneigung und sittlicher Abscheu um so energischer hervor, als sie noch nichtgleich den Erwachsenen gelernt haben, ihre Abneigungen unter dem weiten Mantel desconventionellen Anstandes zu verbergen. Wir berühren hier einen der schwierigstenPuncte der Erziehung: der junge Mensch soll die Pietät gegen seine Erzieher nichtverletzen, soll sich nicht zum Censor der Erwachsenen aufwerfen , in geselligen Verhält-nissen bewahrt bleiben vor den: pharisäischen Hochmuth, der da spricht: „Ich dankeDir, Gott rc." — soll aber auch in seinen Shmpathieen und Antipathieen, insofern sieauf gutem sittlichen Grunde ruhen, nicht geschwächt werden. Denn so sehr auch Liebeund Duldung im Geist des Christenthums liegt und in der evangelischen Pädagogikkeine Leidenschaft gepflegt werden darf; so ist doch hinwiederum die kräftige Liebe desGuten nicht ohne energischen Haß alles Unlauteren und Bösen, wie Christus unserHerr und Meister in seinem Verkehr mit den Pharisäern uns selber das Beispiel ge-geben hat. In dem Maße, als das Gute begehrt wird, muß auch das Böse verab-scheut werden und muß auch die entschiedenste Abneigung sich offenbaren wider die,welche uns von der Bahn des Guten ablenken oder mit ihrer Heuchelei uns täuschenwollen. Es kann da, wo das- sittliche Gefühl sich gleichsam in einem Brennpunctesammelt und der Affect der Ausdruck des reinsten Selbstbewußtseins ist, eigentlich garnicht von Affect und Leidenschaft im gewöhnlichen Sinne die Rede sein. Der sittlicheAbscheu ist nur die andere Seite der sittlichen Begeisterung für das Gute, Wahre, Edle,und als solcher vollkommen berechtigt. Tritt er energisch bei gewißen Gelegenheitenim Zögling hervor, so wird sich der taktvolle Erzieher dessen freuen, er wird dieseheilige Glut lebendig erhalten, aber auch dem Zögling zum Bewußtsein bringen, daßniemand den Nächsten richten dürfe, am allerwenigsten die Jugend, die noch so weniggeprüft und versucht worden ist. In dieser Hinsicht haben oft Eltern gegen die Lehrer,Lehrer gegen die Eltern die Grenzen der Pietät zu schützen, im geselligen Verkehr ein