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Abrichten.
Haupt an Dressur, überall nämlich, wo es an einein edleren sittlichen Familiengcistfehlt und die Kinder bloß als Maschinen zum Broterwerb angesehen und behandeltwerden. 2. Die zweite Art der Abrichtnng, die sittliche, sollte freilich eigentlichunsittlich heißen, denn sie ist nicht nur an sich selbst, wie jede Abrichtung eines Men-schen, eine Unsittlichkcit, sondern auch eine Abrichtung nicht zur Sittlichkeit, sondern zurNnsittlichkeit. Sie begegnet uns am häufigsten in den Extremen der Gesellschaft, inden höchsten und in den niedersten Ständen. Findet sich doch bei letzteren nicht selteneine förmliche Dressur der Kinder zum Stehlen, Betteln, Lügen u. dgl., die zu einerArt von Kunst ausgebildet ist, indem dabei nicht bloß der durch das Beispiel der Elternangeregte Nachahmungstrieb in Anspruch genommen wird, sondern wie bei Thicrcnkünstliche Abrichtungsmittel, die auf die sinnlichen Triebe des Begehrens und Verab-scheuend berechnet sind, angewendet werden, z. B. Leckerbissen und andere sinnliche Reiz-mittel, oder Hunger und Schläge. In den höheren Ständen wird das Kind zuweilenz. B. in die eonventionellen Formen des Anstands und der Höflichkeit so einexercirt,daß es sich wie eine Drahtpuppe in der Gesellschaft bewegen lernt, dabei aber die Pflan-zung der Menschenachtung und Menschenliebe, von welcher jene Formen die äußerenZeichen sein sollten, völlig außer Acht gelassen. Nebenbei wird die hierin liegende Ein-seitigkeit noch dadurch verstärkt, daß dem Kinde diese Tugenden fast als die einzigen,jedenfalls als die höchsten dargestellt werden. 3. Die intellectuelle Abrichtung istin unserer Zeit, obwohl sie die Schlagwörter „Naturgemäßheit," „abseitige Entwicklung,"„harmonische Bildung" so gern im Munde führt, verbreiteter, als man glaubt. UnsereZeit huldigt auf dem Gebiet des Unterrichts thcils einem einseitigen Formalismus, theilseinem einseitigen Materialismus. In formaler Beziehung legt sie ein übermäßigesGewicht auf die Ausbildung des Verstandes, so daß diese vielfach sich bis znm Extremeiner Verstandes d r e s s u r verirrt hat, die es bloß ans geläufigen Vollzug logischerFunctionen ohne alles sachliche Verständnis abgesehen hat. Man denke z. B. daran,wie mancher Lehrer seine Schüler zu katechetischer Virtuosität in der Entwicklung reli-giöser Begriffe zustutzt, während cs bei ihnen an aller inneren, geistigen und gemüth-lichen Erfassung und Erfahrung des Objects fehlt, an die sogenannten Denk- und Sprach-übungen, die in papageiartiges Maulbrauchen ausarten, an den formalen Sprachunter-richt , der alle grammatikalischen Termsnologieen bis zu bewundernswürdiger Geläufigkeiteinübt, ohne daß dadurch wirkliche Aneignung der Sprache erzielt würde, sodann an somanche in Schulen betriebene Kunststücke, z. B. Rechen-, Gesang-, Declamirkunststücke,bei denen es an allem geistigen Hintergrund fehlt. Diese Verstandesdressur verläßt dennaturgemäßen Weg harmonischer Bildung, bei welcher alle Seclenkräfte in steter Wech-selbeziehung und Wechselwirkung gehalten werden und legt den Grund zur Verkümme-rung und Verkrümmung der Persönlichkeit; denn sie macht, so viel an ihr ist, ihrenZögling zu einem oberflächlichen, für alles tiefere Denken unfähigen, den Gebieten deshöheren Geisteslebens entfremdeten, also höchst bornirten, dabei aber doch über alles,was seinen Horizont übersteigt, anmaßend absprechenden, gemüthlosen Verstandesmenschen.In materialer Hinsicht verlangt unsere Zeit, daß der Unterricht dem Kinde möglichstviele und vielerlei „nützliche" Kenntnisse in möglichst kurzer Zeit beibringe. Der Unter-richt soll „praktisch" sein; was man nicht „brauchen" kann, hat keinen Werth; das„iwQ solwlas sscl vitas" wird in craß utilitarischem Sinn ansgedeutet. Deswegen Kennt-nisse und zwar nützliche; denn Kenntnisse sind Geld, sagt der Deutsche, wie der Eng-länder: tims is wons^. Folgt die Schule diesen: Impuls des Zeitgeistes, so muß sienothwendig zur Dressiranstalt herabsinken, die nur noch Zeit für die wulta, keine mehrfür das Multam hat, die nur auf das An lernen, nicht mehr auf das Erlernen, nurauf glänzende Resulate hinarbeitet, ohne sich eines der geistigen Entwicklungsstufe desSchülers angemessenen Unterrichtsganges zu befleißigen. Der ehrgeizige Lehrer, den: dasLob der Menschen und nicht das wahre Wohl seiner Schüler die Hauptsache ist, 'geräthunvermeidlich auf diesen Abweg; denn die blinde Menge, die nur aufs Aeußere sieht,staunt die Ergebnisse der mechanischen Dressur bewundernd an. Es ist aber unter der