Druckschrift 
1 (1876) A - Dänemark
Entstehung
Seite
21
Einzelbild herunterladen
 

21

AlmeilMg.

gewöhne, denn er ist selten in dem Falle, sich selber den Küchenzettel nach seinem in-dividuellen Geschmacke zu entwerfen, und selbst wenn er dies könnte, wäre es immernoch heilsam, wenn er gelernt hätte, das Fleisch durch den Geist zu beherrschen undselbst des Geschmackes Meister zu werden. Die Forderung einiger Pädagogen, dieKinder auch an widrige Speisen zu gewöhnen, ist übertrieben; aber gleich übertriebenist es auch, wenn man aus Weichlichkeit die bittere oder mit einem widerlichen Beige-schmäcke behaftete Medicin so in Süßigkeiten eingchüllt wissen will, als müßte dasHeilmittel ein Leckerbissen sein. Daß die Medicin gemeiniglich schlecht schmeckt, soll sosein, denn sie ist ein leibliches Zuchtmittel, das zugleich an die moralische Kraft desKranken sich wendet, die er anwenden muß, um wieder gesund zu werden. Ist dasKind durch seine bisherige Erziehung an Gehorsam gewöhnt, so wird es seine natür-liche Abneigung überwinden und die Arznei nehmen, ob sie auch noch so bitter ist.

Der Jugend ist wie die Speiselust, so auch die Sehlust und Spiellust natürlich.Schmeckt das Essen nicht, schließen wir sogleich auf Krankheit und suchen nachzuhelfen;dagegen übersehen wir es leicht oder achten es doch weniger, wenn das Kind am Sehenund Hören keinen Gefallen findet, wenn es für die Spiele seiner Kameraden wenigTheilnahme zeigt und am liebsten mit sich allein beschäftigt ist. Eine sorgfältige Er-ziehung darf Abneigungen dieser Art keineswegs passiren lassen. Es kann Kränklichkeitoder eine zu große Empfindlichkeit der Nerven, die alles Lärmen und Toben instinct-artig abweist, die Ursache sein; in solchem Falle ist leibliche Stärkung vonnöthen undein allmähliges Zurückführen zum Spiel der Genossen ein Act der Heilung selber. Eskann aber auch ein übertriebener Egoismus, Stolz und Eitelkeit, welcke eine Rollespielen möchten und daran verhindert werden, obwalten; ein Trotz und ein Selbstge-fühl, das oft schon früh entwickelt ist und sich selber zu genügen strebt, ist nicht seltender Grund der Lust zur Einsamkeit und zu der Abneigung vor geselligen Freuden. Insolchem Falle charakterisirt die Abneigung weit mehr den Zögling, als es je seineNeigungen vermöchten, und die Erziehung muß mit allen ihr zu Gebote stehendenMitteln wider solchen Egoismus zu Felde ziehen, um die Abneigung in Neigung zuverwandeln. Endlich aber kann das Meiden der Kinderspiele auch einen edleren Grundhaben, der sich oft bei stillen, ernsten, innigen Gemüthern findet, die nur in der Ein-samkeit volle Genüge des Daseins erlangen, denen ihr Leben lang Toben und geräusch-volle Vergnügungen unlieb bleiben und die sich in Gesellschaft nie so geben können, wiesie wohl selber möchten. Bei solchen Naturen wäre es ganz verkehrt, den lästigenSpiclgeist erzwingen zu wollen; aber man soll doch ihre Abneigung nicht unbedingtgewähren lassen, denn die Gemeinsamkeit ist ein nothwendiges Element des sittlichenLebens, da sich nur in der Gemeinschaft die sittliche Kraft entwickelt. Man denke alsoauf Spiele, welche den stillen Kindern am meisten Zusagen, führe sie sanft und all-mählig in den Kreis solcher Kinder, welche ihrem Naturell nicht zu ferne stehen. Einüberwiegend melancholisches Temperament wird sich in der Regel von dem sanguinischenabgestoßen fühlen, das ihm in seiner Leichtfertigkeit und Lustigkeit wie eine Ironie aufdie eigene, ernste Stimmung erscheint, während der Phlegmatische in dem Sanguinicusviel eher eine Ergänzung seiner Trägheit findet, und der Cholericus mit seiner Festig-keit dem Melancholischen am meisten zusagt. Es ist schon deshalb ein Segen, wennin einer Familie mehrere Geschwister gemeinschaftlich erzogen werden, aber auch, wennder Unterricht nicht im engen häuslichen Kreise, sondern in der Schulgemeinde statt-findcn kann, wo die verschieden temperirten Charaktere sich anziehen und abstoßen, aberauch einander ertragen lernen.

Bei phantasiercichen, zur Reflexion und zum Studium geneigten Charakteren zeigtsich oft eine Abneigung vor aller Handarbeit und Hülfeleistung in der Wirthschaft deselterlichen Hauses. Aus Rücksicht auf die nützliche Beschäftigung mit den Büchernwird solchen oft manche Arbeit erlassen mit Unrecht, denn es würde gerade demkünftigen Gelehrten zustattenkommen, wenn er früh gelernt hätte, mit der concreten Wirk-lichkeit sich zu befassen, und den Phantasiemenschen zumal ist es von größtem Nutzen,