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1 (1876) A - Dänemark
Entstehung
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20 Abneigung.

Abneigung. Antipathie. Abscheu. Das Gesetz der Anziehung und Abstoßunggeht durch die ganze organische und unorganische Welt, und jene Wirksamkeit des Jn-stinctes, der das Thier lehrt, alles seinen: Leben und Wohlsein Widerstrebende zumeiden, erstreckt sich noch tief ins Menschenleben hinein. Die gesunde physische Naturdes Menschen weist ohne alle Reflexion und Verstandcsregel die schädliche Speise zurückund wendet sich mit Widerwillen vom Essen ab, wenn Sättigung erfolgt ist. Undebenso wendet sich der gesunde moralische Mensch schnell und sicher vom Unwahren, Un-reinen, Sittenverderblichen hinweg, ohne über den einzelnen Fall belehrt worden zusein oder an ein bestimmtes Gesetz zu denken. Dieses Unmittelbare, Instinctartige inden sympathetischen Gefühlen des Menschen, weil es aus dem Lebenstriebe selber hcrvor-geht, hat seine volle Berechtigung; aber es ist kein Verlaß darauf.

Der Mensch, als vernunftbegabtes Wesen, hat eben eine viel höhere Bestimmung,als bloß durch Naturtriebe sich bestimmen zu lassen: er soll mit Bewußtsein handelnund auch seine Gefühle und Triebe sollen sich der Lichtregion des freien, selbstbewußtenGeistes nicht entziehen. Da nun aber das Gemüth, in dessen Sphäre die sympathe-tischen Gefühle gehören, die Einheit ist des naturbedingten Sinnlichen und des natur-freien Uebersinnlichen, so ergiebt sich, daß alle Neigungen und Abneigungen nur relativeGeltung Haben, daß sie als persönliche Gefühle und Richtungen möglicherweise unterdas allgemeine Natur- und Sittengesetz fallen, aber anch der Art als rein individuellsich erweisen können, daß sie als Anomalieen, der Regel widersprechende Ausnahmenerscheinen. In diesem Falle nennen wir die Abneigungen Jdiosynkrasieeu." Esgiebt namentlich im weiblichen Geschlecht Individuen, welche Widerwillen vordem Sauren haben, andere, die kein Obst essen, keinen Wein trinken können, ja denGeruch desselben verabscheuen; andere, die Widerwillen vor dem Geruch der Rosehaben, dagegen Vorliebe für Gerüche, welche die meisten andern Menschen verabscheuen.Es mag da eine bestimmte Mischung der Säfte, eine Disposition der Nerven zuGrunde liegen, aber diese Disposition wird alsbald auch eine gewiße Art und Ver-gesellschaftung von Vorstellungen erzeugen, die Phantasie eigenthümlich anregen, undso kann von Seiten der Willkür wiederum eine Idiosynkrasie unterhalten werden, sodaß wir in keinem Falle behaupten dürfen, die Abneigung sei rein physisch.DieIdiosynkrasie erscheint/ sagt Rosenkranz in seiner Psychologie,oft als bloßeZufälligkeit." Warum z. B. Hobbes, sobald er ohne Licht war, in einen an Wahn-sinn grenzenden Zustand verfiel, aus dem er sogleich mit der Rückkehr des Lichtes zurBesinnung zurückkehrte, ist räthselhaft. In der Jugend lassen sich solche Verknorpelungendes individuellen Organismus durch strenge Gewöhnung wenn auch nicht aufheben,wenigstens mildern; mit den Jahren aber wurzeln sie bis zur ethischen Unbezwinglich-keit fest, so daß der Mensch dem Mechanismus des Contactes mit dem ihn afficirendenObjecte widerstandslos erliegt." Und ebensowenig dürfen wir von manchen scheinbarrein sittlichen Abneigungen sagen, sie hätten mit dem Physischen nichts zu thun.Mancher findet sich durch eine Persönlichkeit abgestoßen, die mit einer andern äußernErscheinung ihm vielleicht recht gut behagen würde.

Für den Erzieher folgt daraus, daß er keine Abneigung, sei sie welcher Art siewolle, ohne besonnene Prüfung gelten zu lassen, sie vielmehr in Zucht zu nehmenhabe, auf daß sie durch einen Act sittlicher Freiheit geadelt werde, um sich als berech-tigt zu erweisen. Will das Kind diese oder jene Speise nicht essen, so prüfe er vorallem, was bei dieser Abneigung auf Rechnung der Laune oder Schwächlichkeit des.Willens zu setzen, oder was dabei Forderung der individuellen Natur sei, wobei zu-weilen der Beirath des Arztes nicht entbehrt werden kann. Es giebt sehr sensible Na-turen, die gerade um ihrer Sensibilität willen entschieden abweisen, was ihnen nichtzusagt. Aber auch in diesem Falle soll das Kind seine Abneigung dadurch als berech-tigt erweisen, daß es z. B. für die verschmähte Speise keinen Ersatz bekommt durchein anderes Gericht, vielmehr sich gerne und willig das Opfer der Entbehrung aufer-legt. Im allgemeinen ist es von Wichtigkeit, daß der Mensch sich an alle Speisen