Aberglaube.
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und misbildend zurückwirkt. Eben darum ist der religiöse Aberglaube, sosehr er auch. in einzelnen Erscheinungen den Spott hcransfordert, doch im Grunde sicher nicht zumj Lachen, sondern' eine gar ernstlich zu nehmende Sache, zumal er selten sich mit derVerunstaltung der Gedanken begnügt, sondern nicht minder den Willen angreift.
Daß in unserem deutschen Volk noch eine Menge von Ziesten des alten, zertrüm-> inerten Naturdienstes, wie ihn die Germanen hatten, bevor auf diesen Wildling dasveredelnde Reis des Christenthums gepfropft wurde, vorhanden seien, hat Grimm zudeutlicherem Verständnis gebracht. Nicht aber sind jene Reste in ihrer uninittelbarenNatürlichkeit vorhanden, sondern was wir von solcher Superstition haben, das istCarricatur, gemäß dem innerlich bis heute noch unvollendeten Proeeß der Christiani-sirnng, und man kann sagen, daß in diesen: Proeeß die alten Gestalten, wie sie demDeutschen Gegenstände der Verehrung und der Furcht waren, nicht sowohl ausgerottet,als vielmehr umgestaltet und (z. B. die weisen Frauen zu Hexen) verzerrt worden sind.Das Ehristenthum hat in sofern dies wenigstens bewirkt, jene Gebilde der heidnischenVorstellung in den Gemüthern mit den: bösen Gewissen zu behaften, daß sie sich nichtöffentlich sehen lassen können, denn sie sind häßlich, böse, wild, oder wo noch ein gut-müthiger Zug in ihnen, komisch, kindisch, eingeschrumpft, sie führen ein in den dunklenGrund des Bewußtseins zurückgedrängtes Leben, von wo aus sie immerhin schreckendund neckisch hervorwinken, aber nimmermehr das Tagleben sich völlig zu unterwerfenvermögen. Es ist ein Hansglauben, der sich vor den: Kirchenglauben scheut, vor welchen:er kein gutes Gewissen hat, der seine Culte verbirgt, obwohl er nicht mehr criminellverfolgt wird, denn er ahnt es von sich selbst, Spuck und Wahn zu sein, ohne dieKraft zu finden, daß er von sich los werde. Kein Wunder, daß unter den: Volk dieFurcht vor Hexen und Zauberern vorhanden; ist es doch, als wär's ihm selber ange-than, sich nicht frei machen zu können von uralten:, düstren: Bann, während cs in: Lichtdes Evangeliums zu wandeln sich berufen weiß. — Aber eben darum ist cs auch soschwer, diesen: Vvlksaberglauben beizukommen, denn er scheut das Licht, verbirgt seineTraditionen mit besonderen: Fleiß vor Geistlichen und Lehrern —, wie man dies schonbei Kindern warnimmt, welche gar ungern mit solchen Vorstellungen gegen ihre LehrerHerausrücken —, von welchen er zudem gerne annimmt, sie glauben das selbst, was siebekämpfen, und stellen sich nur so, als glaubten sie's nicht, weil's ihnen befohlen sei. —Wie übrigens das Christenthum den: deutschen Heidenthun: seine Göttergcstalten ent-stellt, seinen Glauben vergällt, so hat umgekehrt in dem unvollendeten Proeeß diesesauf jenes theilweise entstellend zurückgcwirkt; denn der Teufelsglaube unseres Volkes hatzwar den Namen und den Begriff des widcrgöttlichen Wesens an dem Satan aus derBibel, aber Gestalt und Beiwerk, Bockshörner, Pferdefuß rc., die greulichen Vorstellungenvon den: Verhältnis des Teufels zu den Hexen, der Teufelscult, wie er in: Beschwören,Schatzgraben :c. getrieben wird, hat seine Wurzeln in außerbiblischen: Boden. Bei denGebildeten gilt daher für abergläubisch, wer die Versuchungsgeschichte für wirklich hält,weil sie gewöhnt sind, sich den Satan nur in der Weise des heidnischen Volksglaubensvorzustellen und ihn also für längst ins Fabelbuch geschrieben halten.
Aehnlich wie diese Art von Superstition zu den: alten Heidenthum, verhalten sichetliche Vorstellungen bei den: evangelischen Volk zu den: vorreformatorischen Glauben.Hicher gehört die Meinung von der Zauberkraft der Hostie, daß man sich für krankeAngehörige Miesse lesen läßt, den Segensspruch des Kapuziners oder Priesters über denStall begehrt, das Vieh gegen böse Leute zu schützen; in dieser Beziehung haben häufigsolche Orte, welche zur Zeit der Reformation bei dem alten Glauben blieben, währendrings um sie her das Volk evangelisch ward, bis auf den heutigen Tag starken Zulauf.
Solches alles würde sich nicht fortgeerbt haben, wäre nicht im Geinüth des Menscheneine allgenreine Anknüpfung und Neigung, daher denn auch wo alter Aberglaube völligbeseitigt ist, neuer von selbst aus den: Boden wächst. So ist um die Mitte des vorigenJahrhunderts gerade über die höheren Gesellschastsclasseu, welche in deistischer, wo nichtatheistischer Aufklärung stunden, jene bekannte Verzauberung gekommen, in der sie sich