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Aberglaube.
Wargenommene zu fällen. Demnach entsteht Aberglaube bet wachen Sinnen aber schlum-mernder Urtheilskraft, indem sodann die Phantasie an die Stelle der letztern tritt, umdie sinnliche Warnehmung im Bewußtsein unterzubringen, dem Vorstellungskreis ein-znreihen, z. B. Sonnenfinsternis als Kampf eines Drachen mit der Sonne, sie zu ver-schlingen, im Aberglauben der Türken vorstellig gemacht, die unsichern Gestalten imZwielicht des Mondscheins, das Rauschen und Flüstern in der Einsamkeit des Waldes,
— die Gelegenheitsursache der Gespensterfurcht und der Bevölkerung unheimlicher Ortemit umgehenden Geistern. — Auch der Verstand hat gewißermaßen seinen Aberglauben,indem er irrige Schlüsse bildet und darauf weiter baut, oder von andern erzeugtefalsche llrtheile und Schlüsse auf Auctorität hin sich aneignet. Dies beweist die Ge-schichte der Philosophie, sofern gerade die Jrrthümer und Einseitigkeiten der berühmtenDenker von den Schülern am begierigsten ausgenommen, am eifrigsten verfochten undausgebreitet werden, bis wieder ein neuer Irrthum den alten ablöst oder dieser sich vonselbst ausgclebt hat. Die Pädagogik selbst ist reich an solchem verstandesmäßigem Aber-glauben, da das Heil der Welt von irgend einem neuen System erwartet wird, welchesdoch bei näherer Betrachtung oft nur durch Uebertreibung einzelner Momente, also durchMangel an Urtheil Aufsehen erregt. Ein solcher Aberglaube war z. B. der Glaubean die alleingescheidmachende Kraft der Denkübungen, welchem gegenüber der an dieBildungsallmacht des Stofflichen, sei es ein realistisches (Naturkunde n. s. f.) oder einideales (Religion), wiederum als pädagogischer Aberglaube sich aufthut, indem je eineEinseitigkeit die andere verketzert, beide aber im Verketzern der Nüchternheit Übereinkom-men. Wie viel Verstandes-Aberglauben in politischen Meinungen und Systemen sei,lehrt der Tag -— opiniouuiu ooiumsutu llsksns, z. B. der an das allein den Volks- ^willen repräsentiren sollende allgemeine Wahlrecht oder der Aberglaube an die absoluteAuctorität Eines despotischen Willens, von welchem Aberglauben je die Nährer desselben j(Demagogen, Höflinge) sich selbst nähren, wie die Priester vom Götzenopfer. Auch dieNaturphilosophie früherer Zeit, den leeren Raum ihres Nichtwissens aus Mangel anForschung mit Phantasiegebilden, welche aber als Denkproducte sich gebärden, ausfüllend,wie die exacte Naturwissenschaft jetziger Zeit, aus Mangel an Einsicht in ihre Grenzenin das Gebiet des Geistigen hiuüberpfuschend und die Thatsachen des Glaubens s. v. v.niederglaubend, haben Aberglauben des Verstandes erzeugt. Man muß diese Art vonAberglauben eine Krankheit der Anmaßung des Verstandes, da er über Gebühr an sichselbst glaubt, jene erstere aber, da den Sinnen ohne Urtheil geglaubt wird, die Krankheitdes schlafenden Verstandes nennen, übrigens schon hier sich merken, daß Freiheit vomAberglauben nicht ohne weiteres das Privilegium der sogenannten Gebildeten sei.
Das eigentliche Gebiet des Aberglaubens im engeren und gewöhnlichen Sinn aberist das religiöse, und hier kommt er theils als Erbkrankheit vor, deren Anfänge sichnicht selten in das heidnische Alterthum zurückerstrecken, in welcher Beziehung man ausdem Wort gerne den Sinn von Ueberhang eines alten Glaubens, wie in supsrstitiodas suxsrstss, heraushört, theils als neu entstandene Krankheit, local und auf einzelnePersonen oder Gegenden eingeschränkt endemisch, oder epidemisch durch Miasma oderContagion sich weit hin ausdehnend, chronisch oder acut. Meistens besteht diese religiöseKrankheit in einem Zuviel, sofern dabei mehr als wahr ist für wahr genommen, derGlaube überladen wird, daher die Sprachforschung das Aber in dem Sinn von lieberzu nehmen geneigt ist (Vgl. Grimms Grammatik und Mythologie; Cvtta'sche Viertel-jahrsschrift k841. IV. S. 38 f. Gedanken über Aberglauben und Aufklärung; undTholuk's Artikel in Herzogs Encyklopädie). Nur darf man sich dies nicht so vor-stellen, als ob Aberglaube nichts anderes wäre als Glaube Z- Aber, ein quantitativerZusatz des Ueberflüssigen zu dem Echten; denn obwohl dies zuweilen vorkommt, daßgläubige Gemüther daneben noch einen leichten Anflug von Aberglauben haben, so istdoch vielmehr die Regel diese, daß letzterer an jenem zehrt, wie eine Afterorganisationam Körper, und daß diese Aftcrbildung aus Mangel an Glaubensbildung, aus innererStörung und ungesunden Säften hervorsproßt und auf den Glauben selbst störend