916
Südamerica.
noch eine sehr schwache.*) Die im Staatsbudget für die euteeüsss 6 eivilisayäo LosIintios ausgesehte Summe schwankt schon seit einigen Jahren zwischen 60,000 und80,000 Milr.
IX. Ergänzende Nachweisungen und Schlußbetrachtungen. Brasilienist das Land der Kontraste: nicht bloß wegen der Verschiedenheit der Himmelsstriche undseiner wunderbar üppigen Natur, sondern wegen der Unterschiede in der Civilisation undder Lebensweise, welche die zahlreichen über sein ungeheures Gebiet hin zerstreuten Racenund Stämme charakterisiren. Glücklicherweise existirt hier das Vorurtheil in Beziehungauf die Hautfarbe nicht wie in andern Ländern America's, **) obgleich die Sclaverei nurerst eben im Verschwinden begriffen ist. So vollzieht sich mit der Zeit, wenigstens inden hauptsächlichsten Mittelpunkten der Bevölkerung eine Verschmelzung, deren Folge eineschärfere Ausprägung der Eigenthümlichkeit des nationalen Typus sein wird, wie mandies auch anderwärts schon sogar bei Kreuzungen zwischen Familien weißer Race be-obachtet hat.***) Ueberblicken wir aber das ganze große Kaiserreich, welche lange Stufen-leiter müßten wir durchlaufen, wenn wir versuchen wollten, die Entfernung zu messen,die den indianischen Cannibalen des Urwaldes trennt von dem raffinirten Stutzer, derseine elegante Erscheinung und seine Nonchalance in den glänzenden Salons der Haupt-stadt zur Schau trägt! Welcher Unterschied findet sich nicht schon zwischen dem unge-zähmten Wilden, welcher elend und hungrig umhcrirrt, und dem angesiedelten, das Landbebauenden Ureinwohner, dem Inäio uiäsaäo! Welche crasse Unwissenheit, welche Ein-tönigkeit des Dahinlebens bei den weißen Bewohnern der kleinen Städtchen im Innern,in Vergleich mit der Bildung, der politischen Bewegung, der fieberhaften Rührigkeit,welche die Vorbilder aus Europa, das Wechselspiel der Staatseinrichtungen und dierasch hin und her schwankenden Conjuncturen des lebhaften Handelsbetriebs in denreichen Küstenstädten fortwährend unterhalten! Mehrere gleich glaubwürdige Reisendekönnten ganz wohl über einen und denselben Gegenstand nicht umeinander übercinstimmen,wenn sie über Brasilien bloß nach ihren persönlichen Beobachtungen urtheilten; wirkönnten Beispiele anführcn! Gewißc Gewährsmänner unter ihnen, deren Wahrheitsliebe
') Die Organisation der Missionen ist jedenfalls in gewißer Hinsicht noch unvollkommen.Am einen Ort leben die Indianer mehr oder weniger mit der weißen und schwarzen Bevölkerungzusammen, an andern ist die Mission untrennbar vom aläsamsnto (Sammeln in Jndianerpfcrchcnoder -Dörfern). Die Aufstellung eines gleichförmigen und doch zugleich den localen Bedürfnissenleicht anzupasscnden Systems ist eine der großen Aufgaben, mit welchen die brasilische Regierunglebhaft beschäftigt ist.
**) Agasfiz bemerkte bei seinem Besuche des sc>lls§io äs keäro II. „Die Schüler darin warenvon allen Racen, man fand darin Schwarze und alle Awischenschattirungen bis zum Weißen;ja der Classenlchrer an einer der oberen Lateinclassen war ein Vollblutneger. Dieser schwarzeProfessor hatte bei dem letzten Concurse um den Lehrstuhl, welchen er einnahm, das besteExamen gemacht, und war mit Stimmencinhelligkeit mehreren Brasilianern europäischer Ab-kunft vorangestellt worden, die sich zugleich mit ihm um die vacantc Stelle beworben hatten."(p. 140).
'") Gobineau, welcher sich hierin mehr oder weniger an Montesquieu anschließt, hat die ur-sprüngliche Ungleichheit der Menschcnracen behauptet; und obgleich er anerkennt, daß durchKreuzung bei einem und demselben Individuum Fähigkeiten vereinigt werden, welche man beiMenschen reiner Race selten verbunden antrifft, hat er doch die Befürchtung ausgesprochen, esmöchte schließlich für die, in deren Adern verhältnismäßig weniger „edles" Blut flieht, doch nurdie Folge haben, daß sie eine schlechtere Blendlingsrace darstellcn (Agassiz versteigt sich sogar biszu dem frivolen Vergleich der indianischen Mestizen u. a. Mischlinge mit dm nichtsnutzigenKötern unter den reinen Hundcracen, Wappäus S. 1545). Diese nur scheinbar einiges für sichhabende Doctrin ist von einem brasilischen Gelehrten, dem Or. Thomas Gomcz dos Santos inseiner Ursvs rslayao äs ourso äs ll^iens äs 1857 mit großem Talent bekämpft und auf ihrenwahren Werth zurückgcfiihrt worden. Das Ganze ist für Brasilien augenscheinlich eine Fragevom höchsten Interesse.