Druckschrift 
9 (1873) Spanien - Vives
Entstehung
Seite
914
Einzelbild herunterladen
 

914

Südamerika.

seine Naturobjecte, oder seinen geologischen Hammer zur Hand zu nehmen und selbst diegeeigneten manuellen Operationen zu machen, so lange werden sie nichts sein, als Dilettantenin wissenschaftlichen Untersuchungen; sie werden vielleicht die von andern berichtetenThatsachen vortrefflich kennen zu lernen im Stande sein, aber sie werden keine eigenenBeobachtungen machen. Ans diesem Grunde, und auch aus persönlicher Indolenzbleiben die Brasilianer den Studien über ihr eigenes Land fremd. Mitten in eine überalle Beschreibung reiche Natur hineingestellt, wie sie es sind, verlegen sich ihre Natur-forscher auf die Theorie, nicht auf die Praxis: sie wissen viel mehr von der ausländischenBibliographie, als von der wundervollen Flora und Fauna, die sie umgiebt!"*)

o) Budget des höheren Unterrichts für 18691870: Rechtsfacultäten 170,000Milr.; medicinische Facultäten 202,015 Milr., zusammen 372,015 Milr.

VII. Theologische Schulen. Obgleich der Katholicismus Staatsrcligion ist/*)hat doch die Kirche geradezu kein Vermögen; die Geistlichkeit ist ziemlich arm, und nichteinmal alle Bisthumssprengel sind mit Scminarien versehen.***) Die Regierung hat dieAbsicht, theologische Facultäten zu stiften: wir haben gesehen, daß sie vorläufig Cursedes kanonischen Rechts an den Juristenfacultäteu eingerichtet hat. Früher war die Erziehungder jungen Priester vorzugsweise den Jesuiten anvertraut gewesen: sie sind so gut wie nichtersetzt worden. Kraft einer Uebercinkunft mit den Bischöfen gewährt der Staat (nachden: Teeret vom 22. April 1863) den Seminaren der Bisthumssprengel eine Unterstützungunter der Bedingung, daß an denselben Lehrstühle besetzt werden sollen für Latein, Fran-zösisch, kirchliche Rhetorik und Kanzelberedsamkeit, für «xlrilosoxlriu raeionul s moral,»heilige Geschichte und Kirchengeschichte, dogmatische Theologie, Moraltheologie, kanonischeInstitutionen, Liturgik und gregorianischen Gesang. Die Gehalte der Professoren sindauf 1000 Milr. festgesetzt; sie werden von den Bischöfen gewählt aus den Candidaten,welche eine aus Abgeordneten des Staats und der Kirche zusammengesetzte Commissiongeprüft und ausgenommen hat. Die Regierung kann die Suspension und die Entfernungeines Professors verlangen; die Bischöfe ihrerseits haben das Recht, dieselben abzusetzenwegen Unfähigkeit, wegen Unsittlichkeit und auch aus Gründen der Lehre. Die Unter-stützung der Seminare belief sich 1869 1870 auf 115,000 Milr. AußerordentlicheBewilligungen sind neuerdings zugestanden worden für die Herstellung besserer Locale.

VIII. Christicmisirung und (Zivilisation der Indianer (oatsclrssoocivilisaysio äos lnäios). Die Lolatorios sind jedes Jahr mit den Klagen der Negierunggefüllt über die Unzulänglichkeit der Mittel, welche angewendet werden, uni die Indianerzu civilisiren und zu bewegen, ihrer unstätcn Lebensweise zu entsagen. Es genügt nichtihnen Ländereien anzuwcisen; man muß sie an das Leben in den aläeas (für die Indianerangelegte Dörfer) gewöhnen. Nun ist aber die Leitung dieser Niederlassungen mehr alseinmal in schlechte Hände gekommen: die braunen Ansiedler wurden auf tausenderlei Artausgebeutet und gebrandschatzt, man hat nichts geerntet als Mistrauen und Haß. DieMacht der Regierung und der Provinzen reicht nicht bis in die Wildnisse des Innern;nur eines, das religiöse Element wäre im Stande, durch seine Einwirkung die Hinder-nisse zu überwinden und Frieden zu stiften. So hatten die Jesuiten diese Aufgabe ver-standen: diese Gerechtigkeit muß man ihnen widerfahren lassen, welchen Tadel sie auch

") Agassiz S. 489. Es giebt natürlich Ausnahmen, und höchst ehrenvolle Ausnahmen.

") Andern Culten ist übrigens der Gottesdienst erlaubt, nur mäßen sie sich öffentlicherKundgebungen enthalten. In Wirklichkeit besteht die vollkommenste Freiheit, ja man muß sogarhinzufügen, in Brasilien herrscht allgemein eine gewiße religiöse Gleichgültigkeit.

"*) Diese Sprengel sind an Zahl 12, nemlich die der Bisthümer: Belkm, (f. d. ProvinzenAmazonas und Para), Säo Luiz (Maranhäo und Pianhy), Fortaleza (Cearä), Olinda lPernam-bnco, Rio grande do Norte, Parahyba und Alagöas) Bahia (Erzbislhum, f. Bahia und Ver-gibt), Rio de Janeiro Mio, Espirito santo und Santa Katharina), Marianne, und Diamantina(Minas geraes), Goyaz (Goyaz) und CuyabL (Mato grosso). Die Sprengel von Fortaleza undDiamantina haben noch keine Seminare; doch hat die Regierung Geldmittel dazu versprochen.