Südamerica.
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Anzahl der natürlichen Kinder solche Schlüsse ziehen darf. Dagegen sind Verbrechen merklichseltener, als in den Nachbarstaaten. Der Chilene ist sanften Charakters, wohlwollendund ordnungsliebend, Angriffe ans Personen sind seltener als Diebstähle, auch dieletztem sind nicht häufig. Im Gegensatz zu den meisten andern spanisch-americanischcnRepubliken ist Chile ein gastfreies Land; man sieht es gerne, wenn Fremde daselbstein zweites Vaterland finden; vielleicht ist sogar dieses überaus freundliche Entgegen-kommen gegen Ankömmlinge eine der Ursachen der oben schon erwähnten Sittenlosig-kcit. *) Wir müßcn uns indessen in dieser Beziehung vor Uebertreibungcn hüten; derGrund der Bevölkerung ist keineswegs verdorben. Man hat den Chilenen oft vorgc-gcworfen, daß sie ihre Vorbilder zu ausschließlich in Frankreich suchen und geistigeNahrung zu gerne aus der Pariser Feuillctonsliteratur holen, welche allerdings nichtgerade durch Achtung vor der Familie glänzt. Seit einigen Jahren sangen die Deut-schen an zahlreicher einzuwandern: ihr Einfluß wird sicherlich wohlthätig auf das Landwirken. Möge nur der Frieden erhalten bleiben; möge die Verbreitung der Aufklärungdazu beitragen, auch die Liebe zu der sittlich veredelnden Arbeit zu fördern, und der Nationeine größere Zuversicht in ihre eigene Kraft einflößcn! Eine glänzende Zukunft scheintjedenfalls dem chilenischen Freistaat Vorbehalten zu sein.
X. Argentinische Republik. Ans einer Oberfläche, welche man auf 57,870Quadratlicues (1,562,397 Quadratkilometer) schätzt — also dreimal so groß als Frank-reich **) — zählte die argentinische Republik im I. 1869 nicht mehr als 1,736,922Einwohner, von denen 303,643 in den Hauptorteu der Provinzen wohnten, in BuenosAires allein 177,787, wovon 88,126 Ausländer. Auch wenn man die wilden Indianermitrechnet, deren Anzahl***) mit Sicherheit fcstzustellen übrigens nicht leicht ist, kannman sagen, daß dieses ungeheuren Gebiets, in welchem sich die Natur doch ver-schwenderisch mit ihren Gaben gezeigt hat, noch eine Wildnis sind. Die Einwanderungbeginnt sehr bedeutende Verhältnisse anzunehmcn. Die mittlere Zahl der in einemJahre einwandcrnden Fremden, welche vor 15 Jahren noch nicht 6000 Köpfe betrug, hatjetzt die Zahl 40,000 bereits überschritten. Obwohl an sich noch nicht beträchtlich groß, legtdieses neue Element doch ein Gewicht in die Wagschale, insofern als z. B. die größereHälfte der Provinz Buenos Aires schon jetzt von Menschen rein weißer Abkunft, ohneMischung, bewohnt wird. Andererseits ist zu bemerken, daß die Lebensweise der ver-schiedenen Gruppen der Bevölkerung, wenn wir das ganze Gebiet überblicken, auf-fallende Gegensätze darbietet, welche bisher hier zu Lande ein Hindernis waren, daßdie Weiße nnd die dunkleren Raceu sich in gleichem Grade mischen konnten, wie in denNachbarstaaten. Ja noch mehr, gerade in Folge des Unterschieds in Hinsicht dergeistigen Entwicklung zwischen Städten- und Landbewohnern hat sich zwischen beidenein höchst beklagenswerther Antagonismus erzeugt. Die Geschichte des Landes seitdem Befreiungskriege ist sozusagen nichts als ein Gewebe von Verbrechen und Ge-waltthaten.
Domingo F. Sarmiento, Mitglied der Universität von Chile, gewesener Directorder Normalschule von Santiago, heutzutage Präsident der argentinischen Republik, inwelcher er geboren ist, hat im I. 1845 ein höchst merkwürdiges Buch über die Sittenseiner Landsleute geschrieben,-^) dessen Titel »Oiviliraoion i Uarbaria« in zwei Wortenden schroffen Gegensatz ausspricht, den wir vorhin bereits bezeichnet haben. Buenos
*) S. Perez-Rosales S. 193. Vergl. Voz-ages st nvoutnres »u Odili, par Is l>r. §ölixUnris 1858. 12°.
**) Die Republik macht überdies noch Anspruch auf den grau Obaoo srgeutino, auf Patagonienund auf die Uamxas arxentinas, d. h. auf 126,870 Quadratlicues oder 3,425,287 Ouadratkilom.mit 1,833,142 Bewohnern.
***) 100,000 nach der einen Angabe, 300,000 nach der andern.
st) A. Giraud hat davon im I. 1853 eine französische Uebersctzung gegeben, mitinteressanten Anmerkungen, Paris 1853. 12". Nach dieser Uebersctzung citiren wir.