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9 (1873) Spanien - Vives
Entstehung
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Südamerica.

Aires rühmt sich das Athen des Südens zu sein; aber man gehe hinaus in das weiteFlachland und frage den Gaucho, den Hirten, der unabhängiger ist als der Araber derWüste, was er denke von der europäischen Civilisation, und er wirb entweder verächt-lich mit den Achseln zucken, oder sein Auge wird aufblitzen von glühendem Haß. Erwill weder von Regierung, noch von Gemeindewesen, noch von Polizei etwas wissen;ihm graut vor allem, was von Buenos Aires gekommen ist, ihm graut „vor denKetten, vor den Vcrtilgungsbcfehlen, vor den subalternen Tyrannen!" auch hat er sichzu rächen gewußt, indem er in der Hauptstadt die Schreckensherrschaft Rosa's möglichmachte.*) Die ungeheure Ausdehnung des Flachlandes setzt bis heute der Durchführungirgend einer Art von öffcnticher Ordnung ein unüberwindliches Hindernis entgegen;die Familien leben zerstreut in vereinzelten, mehrere Stunden von einander entferntenostanoms; die bürgerliche Gesellschaft ist sozusagen aufgelöst, es cristirt nur noch dieeinzelne Familie ohne weitere Verbindung; ein Zustand der Dinge, der vielleicht einzigin seiner Art in der modernen Welt dasteht. Walter Scott nennt irgendwo die Gauchoschristliche Wilde; und er hat nicht Unrecht. Die Einöde hat einen früher civilisirtenStamm zur Barbarei zurückgcführt: Todfeind der umherwandernden Indianer in seinerNähe, hat er doch deren Wesen angenommen, nur mit dem Unterschiede, daß jedesFamilienhaupt ein abgegrenztes Stück Landes sich angeeignet hat und sich als dessenEigentümer ansieht. „Es ist das gerade Gegenthcil von dem römischen Municipium,welches innerhalb der Stadtmauern die ganze Bevölkerung vereinigte, die von hier aus dieumliegenden Felder bebaute. Daraus entsprang eine starke sociale Organisation; ihrewohlthätigen Folgen sind noch heute fühlbar, sie haben die moderne Civilisation vor-bereitet. Die argentinischen Bauern gleichen den slavischen Stämmen, nur daß dieseAckerbauer waren, und daher mehr fähig sich regieren zu lassen; auch gieng bei denletzteren die Zerstreuung der Bevölkerung nicht so weit. Jene unterscheiden sich fernervon den Nomaden dadurch, daß diese in Gesellschaft umherziehen, obwohl sie keinenGrundbesitz haben. Endlich haben sie auch eine gewiße Aehnlichkeit mit der feudalenGesellschaft des Mittelalters, wo die Barone auf dem Lande wohnten, und von da ausdie Städte befehdeten und die Felder verwüsteten; nur fehlt hier der Baron und seinefeudale Burg."**) Der Bewohner der Pampas hat wenig Bedürfnisse, seine Herden iiber-heben ihn der Arbeit; aber er hat keine Gelegenheit wie der Römer, seine überschüssigeKraft zu verwenden; er bleibt in seiner Vereinzelung stationär: „die ros xublioa eristirtnicht für ihn." Lassen wir Sarmiento noch weiter das Wort: „Der sittliche Fortschritt,die geistige Bildung, welche in einem Araber- oder Tatarenstamme vernachlässigt werden,sind hier nicht bloß vernachläßigt: sie sind geradezu unmöglich. Wo soll man dieSchule errichten? Au welchem Ort sollen die Kinder, welche nach allen Richtungenhin zehn Lcguas von einander entfernt sind, ihren Unterricht erhalten? — Auch dieReligion leidet unter den Folgen dieser Zersplitterung der Gesellschaft. Der Kirch-sprengel eristirt nur dem Namen nach: die Kanzel hat keine Zuhörer; der Priester ver-läßt die einsame Kapelle oder verkommt in Unthätigkcit; die Laster, die Simonie, diehier normale Barbarei dringen bis in seine Zelle, und seine moralische Ucberlegenheitwird zur Quelle des Ehrgeizes und der Glücksjagd, er wird am Ende Wohl Partei-führer, BanLenchef." — „Das Christenthum, wie die spanische Sprache, besteht nochgleichsam als Tradition, die sich fortpflanzt, aber verdorben, mit grobem Aberglaubenumwuchert, ohne Unterricht, ohne Gottesdienst, ohne Ucberzeugungen. Man muß dieseLeute, die vom Spanier nichts als die Sprache und einige confuse Neligionsbcgriffcbewahrt haben, man muß sie selber sehen, um ihre unbändige, stolze Sinnesart zu ver-stehen, wie sie im Kampf des isolirten Menschen mit der wilden Natur sich ausbildet;man muß diese bärtigen Gesichter sehen mit einem feierlich ernsten Ausdruck, wie die

*) Sarmiento S. 7.

") Derselbe S. 18.