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Südamerica.
(aus dem XVI. Jahrhundert) mit dem Gedankeu vertraut geworden, daß die Farbigenfrüher oder später die Herren des Landes werden würden, und daß die Europäer derspanischen Colonicn daun das Loos der Weißen auf Haiti zu erwarten hätten. NachAlexander von Humboldt hätte die Herrschaft der Creoleu unvermeidlich eine noch schär-fere Trennung der Raceu zur Folge haben müßeu, als unter der spanischen Regierung.Ohne sich bei solcherlei Befürchtungen anfzuhalteu, beschloß Bolivar, ganz wie O'Higginsin Chile, wie Rivadavia in Buenos Ayres, so viel als möglich ans die Verschmelzungder verschiedenen Gruudbestaudtheile der Bevölkerung hinzuarbciten, um im Laufe derZeit einen neuen gemischten Typus zu erzeugen, der in Südamerica eine von allen anLas ferne Europa kettenden Banden gelöste Nationalität darstellen sollte. Eine wesentlicheBedingung hiefür war es, sich der ganzen jungen Generation zu bemächtigen, ihr dieSchulen zu öffnen und in denselben Methoden einzuführen, welche zu ihrer natürlichenEigenart und zu ihren Bedürfnissen paßten/) Bibliotheken zu gründen, und alle mög-lichen Anstalten zur Hebung der Civilisation und der Sittlichkeit zu treffen, mit einemWort: „die Masse des Volks in einen veränderten Teig zu kneten, in dem alle Un-tugenden der spanischen Erziehung getilgt sein sollten, und den Stolz der Indolenz unddie schädlichen Einflüsse des Priesterthums zu brechen."*) **) Columbien gieug mit gutemBeispiel voran, die Kirchcngüter wurden verkauft, die Priester erhielten eine fixe Be-soldung, man unterdrückte die Klöster, welche weniger als 8 Mönche hatten, Schulensollten in allen Gemeinden eingerichtet werden und Mädchenschulen in allen Frauen-klöstcrn. Kurz, die Geistlichkeit verlor ihr früheres Uebergewicht so vollständig, daßman ernstlich anfieng daran zu denken, die Freiheit der Cnlte zu proclamircn, welcheheutzutage eine vollendete Thatsache ist.***) Um andererseits mit Erfolg zur Entwicklungdes Primärunterrichts anzutreiben, ertheilte die Constitution vom 30. Aug. 1821 dasStimmrecht nur den Bürgern, welche lesen und schreiben konnten (Art. 21. Nr. 4);und ferner, indem sie die Befugnisse des Congresses festsetzte, erklärte sie ausdrücklich(Art. 55. Nr. 9), daß derselbe verpflichtet sei, „durch gute Gesetze die öffentliche Er-ziehung, die Künste und Wissenschaften, und überhaupt alle nützlichen Anstalten zu be-günstigen;" und weiterhin: „besondere Freiheiten für eine bestimmte Zeit und sogareigentliche Privilegien sollen solchen neuen Anstalten ertheilt werden können, um ihr Ge-deihen zu fördern und zur Nacheiferung anzuspornen." Es ist anzuerkennen, daß manin Wirklichkeit auch kühn auf dieser Bahn vorschritt, und daß mehrere Jahre hindurchColumbien einem Fremden als ein ganz entschieden zu einer Regeneration berufenesLand erscheinen konnte. Leider wußte Bolivar das rechte Maß nicht einzuhalten: seindictatorisches Gebühren brachte im I. 1828 eine Verschwörung zum Ausbruch, welchesogar sein Leben bedrohte. Von da an glaubte er sich berechtigt, um die volle Aus-führung seiner Reformpläne zu sichern, sogar die Gewissen zu bedrücken, und zwar faßteer vornehmlich den öffentlichen Unterricht ins Auge, gerade wie Joseph II. in Belgien.„Er unterdrückte die Katheder der allgemeinen Gesetzgebung, des Staatsrechts, desVersassungsrechts und der Verwaltungskunst, und ersetzte sie durch Lehrstühle, welche dieGeschichte der römisch-katholischen Religion und ihre Grundlagen verfechten sollten. Ergab den Lehreursen über bürgerliches und kirchliches Recht weitere Ausdehnung, befahl dasStudium der Ethik und des natürlichen Rechts, empfahl die lateinische Sprache alsnothwendig für die Kenntnis der Religion und Literatur. Der Gebrauch der SchriftenBenthams, seines einstigen verehrten Correspondentcn, wurde in den Erziehungsseminarienverboten."!) Diese Mischung von Oppressivmaßregeln und löblichen, aber octroyirten
*) Er ließ Lancaster selbst kommen, welcher in Columbien bankrott wurde (s. Bd. I. S. 524).Bolivar hatte ihm eine Vergütung von 20,000 Dncaten versprochen, welche niemals bezahlt wurden.
**> Gewinns Th. IV. S. 742.
***> Die Protestanten haben in Bogota ein Gotteshaus und einen besonderen Kirchhof.
ff) Gewinns Th. IV. S. 640.